Volkskrankheit Migräne

Volkskrankheit Migräne

Auszeit für die Seele

Es herrscht Ruhe und Stille. Die Alltagsgeräusche wirken gedämpft, die großen Bäume auf der Liegewiese rauschen leise im Wind, in den verwinkelten Gängen hängen Bilder, die zur Meditation einladen und dann wird man mit einem befreienden Lächeln von Dr. Charly Gaul begrüßt. Er ist der neue Chefarzt in der Migräne- und Kopfschmerz-Klinik in Königstein. Beherrschende Blickachse in seinem Chefarzt-Zimmer ist der Zugang zum Balkon mit seinem parkähnlichen Ausblick. Hier kann man zur Ruhe kommen, sich aus dem Alltag ausklinken und einen neuen Weg einschlagen. Genau das ist die Aufgabe. Denn Migräne ist – vereinfacht formuliert – ein Aufschrei der Seele nach Pause und Neuorientierung.

Dr. Gaul sieht sich vor allem als Arzt, nicht nur als Mediziner, und ist damit ganz besonders dem Menschen als Individuum zugewandt. „Schmerzpatienten kann man nicht technokratisch abhandeln“, ist seine Devise. Denn immer geht es nicht nur um eine Krankheit oder ein Symptom, sondern um den Menschen in seiner Gesamtheit – gerade bei den schweren Fällen, die Heilung und Linderung in der Königsteiner Klinik suchen.

Rund 15 Jahre hat er an der Frankfurter Uniklinik gearbeitet und sich in den vergangenen zehn Jahren immer intensiver mit dem Thema Kopfschmerzen und Migräne beschäftigt. „An den Universitäten ist das eher ein Randthema“, erklärt er die spezielle Situation seiner Arbeit und der Königsteiner Klinik. Dort werden die Symptome eher ambulant behandelt. Gibt es dann keine spürbare Linderung, werden die Patienten häufig in irgendeine Schmerzklinik überwiesen. Hier hingegen sind die Spezialisten für Migräne versammelt und setzen alles daran, dem Patienten ein Alltagsleben mit hoher Lebensqualität zu ermöglichen.

Dr. Gaul hat erst im Januar die Chefarzt-Position übernommen. Hier kann er den anerkannten Status der Klinik weiter entwickeln und neue Akzente setzen. „Die Klinik ist klein, hat fast schon einen familiären Charakter und ich kann mich besonders intensiv um die Patienten kümmern.“ Denn Individualität ist nicht nur ein schönes Etikett, mit dem sich viele schmücken wollen, sondern gerade bei Kopfschmerzen und Migräne ein absolut notwendiger Ansatzpunkt für eine Heilung.

Mit seinem beruflichen Wechsel ist er auch von der Metropole Frankfurt nach Königstein gezogen. Die Nähe zur Klinik ist ihm wichtig. Hier allerdings muss er sich erst einmal an den Charakter einer Kleinstadt gewöhnen. „Bislang konnte ich alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigen“,erinnert er sich und wundert sich gleichzeitig über die verkehrstechnische Situation an seinem neuen Wirkungsort. „Nach Frankfurt kommt man relativ schnell, aber zurück ist es schon eher ein Problem.“ Das für ihn überraschende Resultat: Zum ersten Mal nennt er ein Auto sein eigen. Gäbe es in Königstein ein Carsharing-Angebot, er wäre der Erste, der das für sich nutzen würde.

Als Lediger macht er in seiner knapp bemessenen Freizeit gern Städtereisen, erfreut sich auch an Malerei und Architektur. „Für klassische Musik habe ich eher weniger Geduld“, schmunzelt er und widmet sich dann doch eher mal einem klassischen Theater. Geboren ist er übrigens in Bad Kreuznach, sein Einzugsgebiet war immer die Rhein-Main-Region und so erklärt sich auch sein Wohlbefinden in Königstein. Sein erklärtes Ziel ist es, die bundesweit besondere Reputation der Klinik ambulant und stationär konsequent weiter zu entwickeln.

Dazu dienen auch die klinisch orientierten Forschungsprojekte, an denen Dr. Gaul und sein Team beteiligt sind, was nicht nur die Bedeutung der Klinik steigert, sondern durch den Know-how-Transfer auch direkt den Patienten zugute kommt.

Unterschätztes Volksleiden

Wer hat nicht hin und wieder einmal Kopfschmerzen, fühlt eine kommende Wetteränderung oder kämpft mit den Folgen von Verspannung. Das allerdings ist nichts gegen den Spannungskopfschmerz und die nächst höhere Stufe: die Migräne. Das erste Missverständnis liegt darin begründet, dass Migräne einfach nur ein starker Kopfschmerz wäre. Es ist sehr viel komplizierter. Etwa 200 Kopfschmerzarten gibt es. In Deutschland leiden rund neun Millionen Menschen an Migräne. Viele davon denken an normale Kopfschmerzen und gehen nicht zum Arzt – ein fataler Fehler. Übrigens: drei viertel der Betroffenen sind Frauen.

Migräne betrifft vor allem Menschen, die in höchstem Maße leistungsfähig sind. Im Gegensatz zur übrigen Bevölkerung sind die Nervenzellen der Hirnrinde ausgesprochen empfindlich. Das hat zunächst Vorteile im Alltag. Man ist ständig „auf dem Sprung“, kann mehr Informationen verarbeiten, ist sensibler für äußere Eindrücke, denkt oft schneller und kommt daher auch schneller zu Ergebnissen beispielsweise im Beruf. Allerdings wandelt sich dieser Vorteil in einen eklatanten Nachteil: man kommt von dem hohen Erregungszustand nicht mehr herunter, kann nicht abschalten, bleibt auf „Tempo 180“, will permanent „alles im Griff“ haben und die Ereignisse des täglichen Lebens kontrollieren. Das ist auf Dauer verheerend. Niemand würde sein Auto im zweiten Gang über Stunden hinweg auf der Autobahn traktieren. Der Motor wäre nach kürzester Zeit zerstört. Migräne ist daher ein Zeichen für Überlastung, ein Hilferuf der Seele, dass dringend eine Pause notwendig ist. Wie ein Sicherungskasten, der bei Stromüberlastung die Sicherung auslöst. Das erklärt auch, warum die meisten Anfälle in der Altersgruppe zwischen etwa 20 und 45 Jahren zu finden sind. Es sind die jungen Erwachsenen in einer Zeit, in der sie am meisten gefordert ist.

Migräne ist dabei im Wesentlichen genetisch vorbestimmt. Die Veranlagung hat einen entscheidenden Anteil an der Krankheit. Hinzu kommen Umweltbedingungen, die Körper und Seele immer mehr belasten. Schließlich sind es Stress, Angst oder gar Depressionen, die dann das Fass zum Überlaufen bringen.

Auslöser für die Migräne sind die so genannten Triggerfaktoren. Die können ganz unterschiedlicher Natur sein, denn der Organismus ist sehr erfindungsreich, wenn es um die Vermittlung von Not-Signalen geht. Beispielsweise Rotwein, Geschmacksverstärker, die Lichtfrequenz der Energiesparlampen, Lärm, Arzneimittel, Stress, Menstruation, Schokolade…

Oft läuft der Prozess nach dem gleichen Muster ab. Eine Migräneattacke beginnt mit dem Vorstadium, beispielsweise Müdigkeit, Reizbarkeit, Harndrang, Hyperaktivität oder Heißhunger. Dann entsteht die so genannte „Aura“, eine Phase, in der sich bei bis zu 15 Prozent der Patienten der Kopfschmerz langsam bildet und der Patient so etwas wie eine Vorahnung hat. Schließlich bricht der Kopfschmerz in seinen unterschiedlichen Formen mit den Begleitsymptomen wie Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit, Schüttelfrost oder Sehstörungen aus. In der Erholungsphase überwiegt Müdigkeit und Erschöpfung. Je nach Stärke der Migräne ist die Teilnahme am normalen Leben nicht möglich. Und spätestens dann gilt es, nach Lösungen zu suchen.

Die Schmerztherapie ist letztlich Teamarbeit zwischen Therapeut und Patient. Und sie ist multidimensional, das heißt, sie berücksichtigt alle Einzelaspekte des Patienten, seines Verhaltens und seines Lebens. Es gilt, die wiederkehrenden Reize abzuschalten. Migräne sagt dem Körper ganz klar: Du brauchst Pause. Und genau das muss dann eingeübt werden. Alles andere ist kontraproduktiv. Natürlich sind Migränemittel im akuten Fall unumgänglich, aber langfristig hält Dr. Gaul die nicht-medikamentösen Verfahren für wesentlich erfolgreicher. Oft fühlen sich die Patienten in der Klinik erstmals richtig ernst genommen. Es ist ein Ort der Ruhe, in der ein neues Verhalten erkannt, akzeptiert und eingeübt werden kann.

Übrigens: Zunehmend sind es auch Kinder und Jugendliche, die unter Kopfschmerzen und Migräne leiden. Der Vollzeit-Stress und die permanente Ausrichtung auf Wettkampf in Schule, Privatleben oder sozialen Netzwerken züchtet die Beschwerdebilder geradezu heran.

In der Selbsthilfe liegt ein großes Potenzial. Zunächst ist es wichtig, zu erkennen, dass Migräne ein Hinweis auf problematische Verhaltensweisen im Umgang mit Anforderungen und Herausforderungen ist. „Man muss sich selbst zum Fachmann für die eigene Migräne machen“ appelliert Dr. Gaul. Beispielsweise reduzieren sich bis zu 60 Prozent der Migräneattacken bereits durch regelmäßige Bewegung und Entspannung. Wer die Migräne nicht als Feind sieht, sondern als Teil des Lebens, der bewältigt und in kontrollierte Bahnen gelenkt werden kann, ist schon einen entscheidenden Schritt weiter. Dabei sind Oasen der Ruhe, der Achtsamkeit und des Rückzugs im Alltag wesentlich. Das kann man viel öfter in den Tagesablauf einplanen, als man anfangs glauben mag.

Informationen gibt es unter

www.deutsche-migraeneliga.de oder

www.schmerzliga.de in Oberursel.

Dr. Gaul hat als Co-Autor ein sehr informatives Buch veröffentlicht. Es ist in der Migräne-Klinik Königstein erhältlich.

Infos dazu auf www.migraene-klinik.de

(Das Gespräch führte Jan O. Deiters)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.