Blarney Castle

Blarney Castle

Viele Legenden ranken sich um Blarney Castle, den Besuchermagneten im Südwesten Irlands. Die meisten Besucher kommen, um den sagenhaften Blarney Stone zu küssen – angeblich verleiht er allen, die ihn mit den Lippen berühren, die (irische) Sprachgewandtheit (Stone of Eloquence). Gerade für uns Journalisten also ein Muss. Für jeden anderen eigentlich auch. Hat Ronald Reagan den Stein ebenfalls geküsst? Muss man das? Es gibt so viel zu sehen – ein echtes Highlight.

Just als wir auf den Parkplatz bei Blarney Castle fahren, kommt einer der typischen irischen Schauer runter – aber es nützt ja nichts, wir müssen rein, um den Stein zu küssen, um so endlich die uneingeschränkte Wortgewandtheit der Iren zu erhalten – immer Zeit für ein Schwätzchen, viele Geschichten, die alle auch ein gutes Maß an Schmeichelei enthalten und am Ende auch das Augenzwinkern. Also huschen wir vom Parkplatz schnell zur Kasse, zahlen und durch den sowohl mit Menschen als auch mit Reiseandenken jeglicher Art ziemlich vollgestopften Souvenirladen gelangen wir wieder nach draußen. Petrus muss ein Journalist sein, jedenfalls hat er ein Einsehen mit uns und lässt bald schon wieder die Sonne scheinen. Und da steht er vor uns: Der Turm von Blarney Castle. Viele Geschichten sind schon über diese Burg geschrieben worden und die Iren haben das Ihre dazu beigetragen, dass die Geschichten über Blarney Castle nicht aufhören. Umgeben von einer großzügigen und gepflegten Parkanlage ragt der Turm in den blauen und mit weißen Wolken geschmückten Himmel. Wir gehen durch den sehr gepflegten Park auf den Turm zu, queren dabei auf einer kleinen Brücke den River Blarney und stellen erstaunt fest, dass sich die vielen Besucher, die uns im Eingangsbereich umgaben, schnell verlaufen auf dem großzügigen Gelände. Außer dem Turm ist von Blarney Castle nichts mehr zu sehen – aber der zeugt nach all den Jahrhunderten noch von seiner einstigen Stärke. Verbunden durch eine Wendeltreppe gelangt man in die einzelnen Stockwerke der Burg – allerdings zeigen nur die liebevoll gestalteten Schilder, was sich hier einst befunden hat. Im Erdgeschoss waren der Kerker und die Wachen untergebracht. Auch damals schon haben Hunde angeschlagen, wenn sich Menschen der Burg näherten. Ob in dem Kerker jemals wirklich Gefangene eingesperrt waren, ist nicht belegt. Zudem war im Erdgeschoss auch noch der Brunnen, der so wichtig bei Belagerungen für die Bewohner war. Für Besucher mit ausgesprochenem Forscherdrang bietet sich schon im Erdgeschoss ein erster Leckerbissen. Ausgestattet mit einem sehr biegsamen Rückgrat, den Augen einer Katze und der Gleichgültigkeit angesichts der Möglichkeit, nie wieder das Tageslicht zu erspähen, versprechen die Schilder dem Mutigen nach dem „Weg“ durch die Höhle einen wunderbaren Blick auf den Blarney-See.

Weiter geht’s vorbei an der abgebrannten Ruine einer Residenz, die im späten 18. Jahrhundert von der Familie Jefferyes hier erbaut wurde. Diese Familie erwarb Blarney Castle und fand die Burg zu kalt und unbequem zum wohnen. Also bauten sie kurzer Hand eine eigene Residenz, die jedoch 1820 schon wieder versehentlich abbrannte. Den möglichen Abstecher zum „Rock Close“, dem Steingarten, sollten Sie hier noch nicht machen, sondern erst die ganze Burg besichtigen. Durch das Burgtor tritt man ins Innere der bekanntesten irischen Burg und sind wir von alten Traditionen umgeben und einer Lebensweise, die mit unsrigen heute nichts mehr gemein hat. Doch die Erbauer der Burg haben keineswegs irgendwelche romantischen Gedanken gehegt, sie errichteten das Gebäude nach den Standards der damaligen Baukunst. Diese massiven Steinmauern hatten nur den einen Zweck: Schutz der Erbauer vor Angriffen und Belagerung. Direkt über dem Eingangstor befindet sich demzufolge auch das sogenannte „Mordloch“, eine Steinplatte, die weggenommen werden konnte, um den Angreifer mit Helebarden (eine Art Lanze), Schwert oder kochendem Wasser und Pech überschütten zu können. Steht man einen Augenblick ganz still, meint man fast die Stimmen und Geräusche der Menschen zu hören, die hier in all den Jahrhunderten gelebt haben. In den Alkoven glaubt man fast noch die fleißigen Damen mit ihren Stickereien sitzen zu sehen, man meint, das Geräusch von Pferdehufen auf Pflasterstein zu hören, wenn die Ritter auf ihren schweren Rössern durch den Burghof reiten. Und auch das Gesinde, welches in der Küche stets für die köstlichen Mahlzeiten schuftete, kann man vor seinem geistigen Auge dabei förmlich schwitzen sehen.

Die Burg

Die Ruine besteht aus fünf Stockwerken mit je einem Hauptraum und zahlreichen kleinen Kammern und Nischen. Im Saal im Erdgeschoss haben wahrscheinlich die Wachen auf ausgestreuten Binsen auf dem Boden geschlafen neben diversen Materialien, die dort auch gelagert wurden. Da große Fenster eine zu große Gefahr gewesen wären, gab es dort nur einen kleinen Lüftungsschlitz – man denke nur an die Gerüche in dem Saal …

Im großen Saal im 1. Stock residierten der Burgherr und sein Gefolge, dort wurden Gäste empfangen und man erfuhr dabei allerlei Neuigkeiten. Geburten und Todesfälle waren Thema, das politische Tagesgeschehen in Dublin und London und wenn der Papst in Rom hustete, wurde das natürlich auch ausgiebig besprochen. Angenehm war das Leben in diesem Saal, gab es doch einen wunderbaren Kamin, der für die nötige Wärme sorgte. Kamine, die den Rauch des Feuers abziehen ließen, waren zur Zeit des Baues der Burg der allerletzte Schrei. Bisher waren Feuerstellen mitten im Raum und damit natürlich auch der Rauch des Feuers. Die Bewohner husteten viel, die Augen brannten oft. Einen Vorteil jedoch hatte das Wohnen auf der Burg für die Dame des Hauses: Über die Ausstattung der mit Tapeten und Vorhängen musste sie sich keine Gedanken machen – das gab es zu der Zeit noch nicht! Die Wände aus unverputztem Mauerwerk wurden mit groben Behängen „geschmückt“, erst später kam jemand auf die Idee, diese auch auf den Boden zu legen – der Teppich war sozusagen erfunden worden. Fackeln an den Wänden lieferten auch viel Rauch und einen matten Lichtschein am Abend. Nur wenn besondere Besucher kamen, wurde die Binsenstreu auf dem Boden mal erneuert, ansonsten bleib sie einfach liegen.

So eine Burg bot nicht wirklich viel Privatsphäre – vor allem das „Personal“ lebte mehr oder weniger eng zusammen. Ein eigenes Gemach, in das sich der Burgherr und seine Gemahlin zurück ziehen konnten, war da natürlich ein richtiger Luxus. Auf Blarney lag das im 2. Stock, hoch genug, um sogar einige Fenster zu haben. Aus dem vorgebauten Erker schaute man in die wunderbare Landschaft, obwohl hier sicher mehr nach Bedrohlichem Ausschau gehalten wurde. Beide teilten ein breites Bett mit Vorhang, um so die Zugluft auszusperren. Zur Morgenwäsche brachten Diener heißes Wasser aus der Küche. Hygiene war damals noch unbekannt, so ist von der äußerst modebewussten Königin Elizabeth I. bekannt, dass sie schwarze, verfaulte Zähne hatte, weil Zähne putzen unbekannt war.

Vom Treppenhaus gelangt man in eine kleine Kammer, das Gemach der jungen Damen. Hier wurden die Töchter der Burgherren auf ihr Leben vorbereitet. Damals gab es für höhere Töchter nur zwei Alternativen: Das Kloster oder die Heirat mit einem jungen Lord. Ganz so wie die höheren Töchter späterer Prägung lernten sie Irisch, gesellschaftliche Umgangsformen, Feinstickerei, Tanz, Gesang und vielleicht sogar ein Instrument. Vor dort gelangt man dann in den größeren Familienraum. Die Söhne des Hauses wurden oftmals im Alter von 6 oder 7 Jahren auf andere Burgen geschickt, um dort als Pagen zu arbeiten und erzogen zu werden. Zu Hause würden sie doch nur verwöhnt, war die gängige Meinung. Dort lernten sie vormittags das Kriegshandwerk, nachmittags und abends wurden sie als Pagen ausgebildet, lernten die höflichen Sitten und waren dann begehrte junge Ritter zum heiraten.

 

Ein Stock weiter oben war dann der Festsaal, hier wurde gefeiert, es war das Herz des gesellschaftlichen Lebens auf der Burg. Die Küche bereitete viele köstliche Speisen zu, das Fleisch sehr stark gewürzt, um die Frische zu erhalten! An Getränken gab es Met, Bier, Wein und Whiskey. Selbst kleine Kinder bekamen schon Bier zu trinken. Ein Augenzeuge berichtet, wie er die Burg im frühen 16. Jahrhundert erlebt hat: „Der Saal ist der oberste der Räume, lasset uns hoch gehen und so kommen wir bis morgen nicht mehr herunter. Machet Euch keine Gedanken über die Rösser, diese werden vom Gesinde versorgt. Die Dame des Hauses empfängt mit ihrem Gefolge. Die Begrüßung ist vorüber und es werden alle Getränke des Hauses angeboten. Zuerst gemeines Bier, dann Starkbier, dann altes Ale. Die Dame kostet vor – sodann kann man nicht mehr ablehnen. Es fehlt weder an Tabak noch an Starkbier. Inzwischen wird die Tafel gedeckt und großzügig mit einer Vielzahl von gekochtem Fleisch bestückt. Man schmaust mit großer Lust und trinkt auf aller Wohl. Während der Mahlzeit fängt der Barde an, seine Harfe zu spielen und irische Lieder uralter Herkunft zu spielen. Nach dem Mahl steht es jedem Teilnehmer frei aufzubleiben oder sich zurück zu ziehen – jeweils mit gesellschaftlicher Unterhaltung. Am nächsten Morgen wird eine Tasse „AquaVitae“ (irischer Whiskey) getrunken, ein gesundes Getränk und eine natürliche Methode, den irischen Fraß zu verdauen. Frühstück ist eigentlich ein reine Wiederholung des Abendessens“. Gestärkt vom irischen Whiskey und einem „full irish Breakfast“ konnte der Gast dann hoch zu Ross in die frische irische Morgenluft reiten.

Neben dem Festsaal ist noch die Burgkapelle, in der auf Latein die Heilige Messe gefeiert wurde. Und weil der Kaplan die Woche über keine Beschäftigung hatte, war er auch gleichzeitig der Hauslehrer der jungen Damen.

 

Hat man es schließlich bis ganz nach oben zu den Zinnen von Blarney geschafft, steht man schließlich vor ihm: dem sagenhaften Blarney Stone. Zwei Männer sitzen am Stein und helfen den Menschen, den Stein zu küssen. Denn es ist ein etwas sportliches Unterfangen, sich rücklings auf eine Matte zu legen, dann noch ein Stück nach hinten zu rutschen – unter einem der Abgrund und über einem das Ziel all der Qual – der „Blarney Stone“. Aber keine Sorge, es gibt auch Stangen zum festhalten. Ja und dann muss man den Stein mit spitzen Lippen küssen – man sieht, dass es schon viele waren, die das bisher getan haben – 300 000 Besucher pro Jahr tun das. Und just in dem Moment, wenn die Lippen den kalten Stein berühren, wird eine Kamera ausgelöst und man kann – natürlich für die entsprechenden Euros – den Beweis, dass man jetzt endgültig die irische Wortgewandtheit erlangt hat, mit nach Hause nehmen.

Folgt man weiter den Schildern, kommt man schließlich in die Küche. Sie ist extra so weit oben, zum Einen ist der Weg zum Festsaal nur kurz, zum Anderen brannte im Falle eines Feuers nicht gleich die ganze Burg ab. Hier wurden Tag für Tag die Mahlzeiten zubereitet. Vor allem die älteren Männer hatten die Aufgabe, den Spieß mit dem Braten über dem großen Holzfeuer in der Mitte des Raumes zu drehen, damit er nicht verkohlte.

Wie alles begann

Bereits im 10. Jahrhundert soll an dieser Stelle eine hölzerne Jagdhütte gestanden haben, später wurde diese durch ein erstes gemauertes Bauwerk ersetzt. Erst 1446 wurde dieser Bau wieder abgerissen und mit dem Bau der jetzigen Burg wurde begonnen. Es war die Stammburg des mächtigen MacCarthy-Clans. Dieser regierte schon seit den Tagen des heiligen Patrick in der Provinz Munster. Ein berühmter Sohn der Familie war Cormac MacCarthy, der ließ zwischen 1127 und 1134 die berühmte „Cormac’s Chapel“ auf dem Rock of Cashel bauen (siehe hierzu auch Irland EDITION Nr. 12). Ein weiterer MacCarthy spielte beim Einzug der Normannen nach Irland eine wichtige Rolle. Nachdem die Normannen 1066 England erobert hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich ihr Interesse auch auf die Nachbarinsel richten würde. Papst Adrian IV. ermächtigte noch dazu den englischen König Heinrich II., sich um das irische Kirchenwesen zu kümmern. Nach einigen blutigen Scharmützeln ergaben sich die irischen Clan-Chefs – darunter auch Dermot MacCarthy, König von Munster – schließlich Heinrich II.. Ganz im Sinne der in England herrschenden Normannen begann man nun flugs, aus Cork eine mittelalterliche Stadt im Stil der europäischen Städte zu machen, indem man eine Stadtmauer baute und die Stadt befestigte. Die MacCarthys waren stets großzügige Gönner der Kirche, so ließen sie die Tracton Abtei bei Carrigaline und Muckross Abtei bei Killarney bauen. Mitte des 15. Jahrhunderts beschloss ein weiterer Dermot MacCarthy, König von Munster, seinen Stammsitz an der Stelle des Blarney Castle zu bauen. Wie wichtig dieser Dermot MacCarthy war, zeigt allein schon sein irischer Name: Dermit Laidir – Dermot der Starke. Er wurde 1411 geboren und wuchs zu einem Mann großer Tapferkeit heran. Er war stets ein Gönner der Kirche, der Künste und der Gelehrten. Er heiratete Mary, die Tochter des Lords von Kerry. Beerdigt wurde er im Alter von 83 Jahren (die durchschnittliche Lebenserwartung damals lag bei ca. 50 Jahren) in der von ihm erbauten Abtei in Kilcrea, dort kann man auch heute noch sein Grab besichtigen.

 

Stein auf Stein

Eine Burg zu bauen, war ein jahrelanges schwieriges Unterfangen, bedenkt man, dass das, was wir heute noch sehen, nur das Hauptgebäude darstellt. Eine Burg musste die Stärke seines Besitzers wiederspiegeln, Angreifern sollte sie schon beim bloßen Anblick den Mut nehmen. Damals umfasste Blarney Castle ein ca. 3 Hektar großes Areal. Schließlich musste innerhalb der Burgmauern mit den Wachtürmen eine kleine Stadt ihren Platz finden, in der viele Menschen lebten und arbeiteten. Nutztiere wurden gehalten, eine Molkerei gab es, eine Schmiede, Stallungen für die Pferde, Ziegen, Schweine und Hühner und sogar eine Getreidemühle. Doch bei allem „Luxus“, das Leben auf einer Burg war hart und vor allem eine Frage der persönlichen Stärke. Aushalten und durchhalten war hier wichtig.

Zu der Zeit gab es in Irland – wie in ganz Europa – weder eine Berufsarmee noch Polizei. Die Provinzfürsten mussten selbst für die Verteidigung ihrer Gebiete und auch ihrer Untertanen sorgen. Für den rühmlichen Beruf des Ritters wurde der Erbe von klein auf erzogen und ausgebildet. Schließlich musste man ja auch mal ein benachbartes Stück Land dem Besitzer entreißen oder auch eine Beleidigung rächen oder gar eine alte Familienfehde weiter führen. Was sollte so ein Ritter auch sonst machen – Computerspiele gab es schließlich noch nicht! Für das Leben in der Burg hatte er genug Personal, also konnte er sich ganz seiner Kampfkunst widmen.

Blarney und das überzeugende Gerede

In Zeiten klammer Kassen lassen sich die Herrscher immer was einfallen, um an das Geld der Untertanen zu kommen. Das ist auch heute noch so. Zum Beispiel ist es bei den klammen Kommunen heutiger Prägung ein beliebtes Verfahren, dass man wertvollen kommunalen Grundbesitz an Investoren verkauft, um es dann wieder von denen zurück u mieten. Das bringt auf der Aktiva-Seite der Bilanz einmalig sofort Geld in die Kasse – aber auf der passiven Seite der Bilanz ist auch Kredite absicherndes „Tafelsilber“ nicht mehr vorhanden, ganz zu schweigen von den jahrzehntelangen Mietkosten. Jetzt mögen wir denken, dass das eine Erfindung unserer Zeit ist, aber nein, Elizabeth I. (englische Königin von 1558 – 1603) hat es vielleicht sogar erfunden. Sie verlangte von den irischen Clans, dass sie ihre Ländereien an die britische Krone abtreten sollten und dass sie fortan diese Ländereien wieder von der Krone mieten sollten. Das bereits schlechte Verhältnis zwischen England und Irland hat das nicht gerade beflügelt. Cormac Teige MacCarthy, Lord von Blarney, der damalige Clan-Chef und ein gerissener Politiker, hatte jedoch nie vor, seinen jahrhundertealten Familienbesitz an die Krone zu verschenken. Öffentlich und in diversen Schreiben an Ihre Majestät bezeugte er jedoch immer wieder seine unerschütterliche Treue gegenüber der Krone und schmeichelte Elizabeth I. grundsätzlich nur. Nachdem also mal wieder einen solch schmeichlerischen Brief bekommen hatte, verlor Elizabeth I. ihre königliche Contenance und rief: „Das ist alles nur Blarney, er meint es nie ernst, er tut nie, was er verspricht“. Und somit war der Ausdruck „Blarney“ als „überzeugendes Gerede, gewollt irreführend, ohne anstößig zu sein“ definiert.

Im finsteren 17. Jahrhundert schließlich, als raue Feldzüge und politisches Chaos das Land regierten, übten sich die MacCarthys geschickt im Seitenwechsel. Als 1601 ein großes spanisches Heer in Kinsale landete, um an der Seite der irischen Clans der O’Neills und O’Donnells gegen England zu kämpfen, schlugen sich die MacCarthy’s auf die Seite Englands. Als jedoch der Engländer Oliver Cromwell 1641 Irland heimsuchte und erobern wollte, kämpften die MacCarthys nun tapfer an der Seite ihrer Landsleute und gegen England. Doch all das nützte letztendlich nichts, denn der Feind hatte die vor kurzem erfundene verheerende neue Waffe, die selbst die dicksten Burgmauern aus sicherer Entfernung zum Einsturz brachte: die Kanone. Nach einer Belagerung fiel Blarney Castle 1646 an Lord Broghill, einen der Generäle Cromwells. Doch schon 1661, Cromwell war tot und König James II. von England hatte erneut den Thron bestiegen, bahmen die MacCarthys wieder Besitz von Blarney. Hier ändert sich auch der Familienname. Der Lord of MacCarthy wird zum Grafen von Clancarty. Doch dauerte dieser Frieden nicht lange, bereits 1689 landete der entthronte englische König James II. in Kinsale und wurde vom höchsten irischen Fürsten, dem Grafen Clancarty zu Blarney in der Stadt Cork willkommen geheißen. James II. musste auf Grund seiner Unterstützung der katholischen Kirche abdanken und der protestantische Prinz Wilhelm von Oranien war jetzt König von England. Wieder wurde Irland zum Schlachtfeld der beiden Konfessionen, James wollte seinen Thron zurück und Wilhelm von Oranien wollte ihn nicht hergeben. Dieser religiöse Konflikt war eigentlich ein europäischer Konflikt, ging es doch im wesentlichen auch hier darum, den (katholischen) französischen Thron zu stürzen und durch einen protestantischen Thronfolger – wie im restlichen Europa bereits – zu ersetzen. Die Schlacht am Boyne River 1692 besiegelte endgültig das Ende von James II. und führte Wilhelm zum Sieg. Gemäß dem Motto „Dem Sieger die ganze Beute“ wurden die MacCarthys aus Blarney vertrieben und kehrten nie wieder zurück. Er segelte mit dem 10.000 Mann starken geschlagenen irischen Heer unter der Leitung ihres Helden Patrick Sarsfield ins Exil. Mit 300 Pfund Jahresrente lebte der letzte Clanchef der MacCarthys in Hamburg.

Blarney wird verkauft

Die Burg geriet nun in den Besitz des neuen irischen Staates und alsbald versteigert. 1702 wurde Blarney wie folgt angepriesen: Blarney samt Dorf, Burg, Mühlen, Zoll, allen Ländereien einschließlich dem dazu gehörenden Park, insgesamt 1401 Morgen (570 ha)“. Schnell wechselte es den Besitzer, zuerst gehörte einem Londoner Unternehmen, dann Sir Richard Payne und von 1703 bis heute ist es im Besitz der Familie von Sir James Jefferyes, dem damaligen Gouverneur von Cork. Ab 1765 setze er nach und nach seine weitsichtigen Pläne in die Tat um, das Dorf Blarney wurde wieder zu einer Einheit mit der Burg und gelangte zu Wohlstand. Die drei kräftig fließenden Flüsse, der Shournagh, der Martin und der Blarney zogen dreizehn Mühlen ins Dorf, sowie Leinenwerke, Walkereien, Färbereien, Papierfabriken und Eisenwerke. Hier fanden über 300 Menschen Arbeit. Um die Burg herum entstand der „Rock Close“, diese wunderschöne Parklandschaft, die auch heute noch die Besucher verzaubert. Im Buch von Arthur Young „Eine Reise durch Irland, 1780“ beschreibt er, wie er den Park von Blarney erlebt hat. „Ein weitläufiger geschmackvoller Ziergarten wurde angelegt. Großzügige Bepflanzungen umrahmen eine große Wasserfläche und das Ganze ist mit Spazierwegen durchwirkt. Es bieten sich Bänke an sehr hübschen, fast abgekapselten Plätzen an“. Man sollte sich wirklich einige Zeit nehmen, um diesen Park zu erkunden mit all seinen versteckten Schätzen.

1824 gründete Martin Mahoney die „Blarney Woollen Mills“, diese brachten dem Dorf Wohlstand und Weltruhm, der bis 1975 andauerte. Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten dort 800 Menschen am Tweed für die Modehäuser in Paris und New York. Während der beiden Weltkriege von 1914 bis 1918 du 1939 bis 1945 herrschte in der Fabrik Hochkonjunktur, die britischen und im 2. Weltkrieg auch die irischen Weltkriegssoldaten mussten eingekleidet werden. Doch in den frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts brachen die Geschäfte ein, die Asiaten fertigten preiswerter und Tweed war nicht mehr so gefragt. Die Fabrik musste schließen, der Wohlstand verschwand erst einmal aus Blarney. Die Fabrikgebäude dienen heute als Besucherzentrum.

Zu guter Letzt

Das Küssen des „Blarney Steins“ als eins der 100 Dinge, die man erledigt haben muss, bevor man stirbt, entstand erst im späten 18. Jahrhundert, als Blarney noch der Familie Jefferyes gehörte. Aber seitdem waren es Tausende und Abertausende Münder, die diesen Stein geküsst haben, in der Hoffnung auf ewige Sprachgewandtheit. Ob es Ronald Reagan getan hat, ist leider nicht überliefert – aber wir haben es getan!

 

Der Blarney Stone

Es ist wie im richtigen Leben: Wenn ich küsse, möchte ich auch wissen, wen. So ist es auch beim „Blarney Stone“. Doch auch hier ist es wieder eine der typisch irischen Geschichten: So ganz genau weiß man nämlich nicht, woher der berühmte Blarney Stone eigentlich kommt. Ganz Verwegene meinen, dass es ein Teil des Felsens ist, an den Moses in der Wüste seinen Stab schlug und aus dem alsbald Wasser für das Volk Israel strömte. Manche glauben, dass der Stein von einem der Kreuzzüge ins heilige Land mitgebracht wurde. Einer alten christlichen Legende nach soll demnach schon der biblische Patriarch Jakob ihn bereits als Kopfkissen in jener Nacht benutzt haben, als er mit den Engeln rang. Andere glauben, dass er Teil des Thrones des biblischen Königs David war und er deshalb während der Kreuzzüge aus dem heiligen Land mitgeschleppt wurde. Anschließend soll er dann ein wichtiger Teil des Krönungszeremoniells der schottischen Könige gewesen sein. Scone war damals das Kultzentrum und dort wurde der Stein in der Abtei aufbewahrt. Während der schottischen Unabhängigkeitskriege soll Robert Bruce von Schottland einst Cormac MacCarthy den „Stone of Scone“ aus Dankbarkeit geschenkt haben. MacCarthy hatte 1314 ein viertausend Mann starkes Heer nach Schottland entsandt, um Robert Bruce von Schottland bei der Schlacht von Bannockburn im Kampf gegen die Engländer zu unterstützen. Wie dem auch sei, genau weiß es niemand. Andere Quellen nämlich erzählen, dass bereits 1296 König Edward I. den „Stone of Scone“ als Kriegsbeute nach London bringen und unter dem Krönungsthron der englischen Könige in Westminster einbauen ließ. Vielleicht ist der Stein dabei zerbrochen und ein Teil blieb in Schottland und konnte dann 1314 aus Dankbarkeit nach Irland verschenkt werden.

Jedenfalls saßen die englischen Könige fortan bei ihrer Krönung auf einem Teil des schottischen „Stone of Sone“. Die Engländer hielten es für das perfekte Symbol der Einheit zwischen England und Schottland, die Schotten empfanden es als großen Affront. Erst an Weihnachten 1950 wurde der Stein von schottischen Studenten „entführt“ und wieder zurück nach Schottland geschmuggelt. Beim Ausbau war er in zwei Teile zerbrochen, er musste heimlich repariert werden. Die Studenten brüsteten sich mit der „Entführung“ die Polizei stellte den Stein sicher und brachte ihn erneut zurück nach London. Erst 1996 – genau 700 Jahre nach seiner ersten „Entführung“ aus Schottland – wurde der Stein endgültig nach einer feierlichen Zeremonie Schottland zurück gegeben und ist seitdem im Schloss von Edinburgh. Aber auch das ging nicht ohne Nadelstiche ab. Als der damalige englische Premier John Major die Rückgabe ankündigte, titelte die schottische Presse: „Die Schotten baten um ein Parlament und John Major gibt ihnen einen Stein“.

Auch lassen neueste Forschungen völlig offen, welcher Stein der Richtige ist. Sicher ist nur, dass der Stone of Scone aus rotem Sandstein ist und der Blarney-Stone aus Granit oder Kalkstein. Und es gibt auch Vermutungen, dass im Laufe der Jahrhunderte der Stein mehrmals gewechselt hat. So gibt es Karikaturen aus England, die zeigen zwei Damen, die einen Stein auf der oberen Brustwehr in Blarney Castle liebkosen. Damit ist natürlich kein Staat zu machen und so kam wahrscheinlich ein Ire nach dem Genuss etlicher Whiskeys auf die Idee, einfach den jetzigen Stein als sagenhaften Blarney-Stone zu deklarieren. Man munkelt sogar, dass es ein Familiengeheimnis der heutigen Nachfahren der MacCarthys ist, diese aber naturgemäß nur ungern darüber sprechen. Und so halten wir uns an die Erklärung der offiziellen Website der Burg, wo es heißt: „Die Authentizität dieses Steines in Frage zu stellen ist lediglich ein Haufen Blarney.“

Text: Anna Soldan, Fotos: Jan O. Deiters

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