Boxty – Irland und die Kartoffel

Die tolle Knolle mit der langen Geschichte

Schon vor über 8.000 Jahren begann die Geschichte der Kartoffel. Spuren wilder Kartoffeln, die man in Chile fand, sind so um die 13.000 Jahre alt. Aber erst vor rund 600 Jahren begann die vielseitige Knolle ihren Siegeszug um die Welt – und kam dabei auch nach Irland.

Die Indios in Peru und Bolivien ließen sich die Wildkartoffel bereits vor über 8.000 Jahren schmecken. Doch erst im 9. Jahrhundert n. Chr. kultivierten die Inkas die Kartoffel als Nahrungslieferant. Und das so erfolgreich, dass sie bereits im 16. Jahrhundert über hundert verschiedene Sorten anbauten. Die Termine der meisten ihrer religiösen Feste entsprachen den Pflanz- und Erntezeiten der Kartoffel. Als 1536 dann die Spanier Südamerika blutig eroberten, nahmen die Schiffe, die die wertvolle Beute nach Europa brachten, auch die ersten Kartoffeln mit. Aus einem alten Frachtbrief von einem spanischen Stützpunkt auf den Kanaren wissen wir zum Beispiel, dass 1567 von dort eine Ladung Kartoffeln nach Antwerpen verschifft wurde.

Auch in Deutschland wurde ab Mitte des 16. Jahrhunderts Kartoffeln angepflanzt. Zunächst allerdings fristete sie ihr Dasein ausschließlich in botanischen und fürstlichen Gärten, galt sie doch äußerlich als unappetitlich und ihr Geschmack nicht gerade als anregend. Die Menschen hatten gehörigen Respekt vor den als giftig bekannten Nachtschattengewächsen, zu der die Kartoffel ja gehört. Immer getreu dem Motto: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ wurden anfangs kaum Kartoffeln angebaut. Erst ca. 200 Jahre später erkannte Friedrich der Große (1712 – 1786) das Potenzial der Kartoffel und begann, sie als Nahrungsmittel zu etablieren. Die Kartoffel wächst schließlich auf fast jedem Boden und liefert, gemessen an der benötigten Ackerfläche, einen ordentlichen Ertrag.

Erst der Kartoffelerlass brachte der Kartoffel in Deutschland den Durchbruch

Um die Abneigung der Bauern gegenüber der Kartoffel zu verringern, ließ Friedrich 1744 und 1745 zunächst kostenlos Kartoffeln verteilen. Sein Plan ging nur zum Teil auf, denn die Kartoffel wurde zwar angebaut, doch bei weitem nicht in der von ihm gewünschten Menge. Friedrich der Große wollte mehr erreichen. Also verfügte er 1756 dann den sogenannten „Kartoffelerlass“, der den Anbau der Kartoffel den Bauern zur Pflicht machte. Seine Devise lautete: „Kartoffeln statt Trüffel“. Aber auch das half nicht wirklich. Also bediente er sich einer List. Er ließ um Berlin herum einige Kartoffelfelder anlegen und von seinen Soldaten bewachen. Die Bauern wunderten sich, das mussten wertvolle Früchte sein, die dort Angebaut wurden. Wenn der König sie sogar durch seine Soldaten bewachen ließ … Die Soldaten hatten Anweisung, nicht so genau hinzuschauen, wenn sich Bauern den Feldern näherten, um einige der anscheinend so wertvollen Früchte, „abzustauben“. Nachdem die Bauern die Kartoffeln dann selbst probiert und für gut befunden hatten, haben sie sie dann auch angebaut. Was für ein Glück, sorgte doch gerade die Kartoffel dafür, dass während des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763) die Bevölkerung wenigstens keinen Hunger litt. Ihren festen Platz auf deutschen Esstischen erlangte die Kartoffel dann ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Dank der industriellen Revolution erleichterten die Landmaschinen den Anbau, so dass auf immer mehr Flächen Kartoffeln angebaut wurden.

Auch die sogenannte Neue Welt eroberte die Kartoffel. Wieder waren es die Seefahrer, die die Kartoffel Anfang des 17. Jahrhunderts nach Australien und Neuseeland brachten. Kartoffeln ließen sich gut lagern, sie waren nahrhaft und ihr hoher Vitamin-C-Gehalt beugte dem bei Seeleuten gefürchteten Skorbut vor.

Wie die Kartoffel nach Irland kam

Eine der vielen irischen Geschichten erzählt, dass Irland die Kartoffel dem englischen Seefahrer und Günstling von Königin Elizabeth I., Sir Walter Raleigh (* 1552 oder 1554; † 1618), zu verdanken hat. Er soll die Kartoffel direkt von seinen Beutezügen aus Spanien mit nach Irland gebracht haben. Andere Geschichten sprechen von Sir Francis Drake (* um 1540; † 1596), dem zweiten großen englischen Seefahrer im Auftrag von Elizabeth I.. Der besiegte vor der irischen Küste die spanische Armada und die Iren haben kurzer Hand die angeschwemmten Wracks der Spanier geplündert. Dabei haben sie die Kartoffel, die als Schiffsverpflegung der Seeleute diente, auch gleich mitgenommen. Wie dem auch sei, genau wissen wir nur, dass der Anbau der Kartoffel in Irland ab dem Jahre 1606 nachgewiesen ist. Und keine hundert Jahre später hatte sie sich bereits zum Grundnahrungsmittel der Iren entwickelt. Es war einfach, die nährstoffreiche Kartoffel anzupflanzen, man benötigte weder zum Pflanzen noch beim Ernten besondere Werkzeuge. Die genügsame Kartoffel gedieh auf den meist kargen Böden im Westen genauso wie auf den besseren Böden der Midlands und im Osten. Die Kartoffel gedieh in Hanglagen und auch ohne viel Sonne. Im Gegensatz zum Getreide war auch die Weiterverarbeitung in der Küche vielfältig und einfacher. Man brauchte die Kartoffel nur zu kochen und nicht, wie beim Getreide, erst noch zu mahlen, um dann Brot daraus zu backen.

Irland war damals eine Kolonie Englands, denn 1541 wurde der englische König Heinrich VIII. auch zum König von Irland ausgerufen. Eine seine ersten Amtshandlungen war, die katholischen Iren in die anglikanische Kirche zu zwingen. In der Folge verloren gab es blutige Aufstände, in deren Folge viele Iren ihr Land an königstreue Engländer verloren. Um irgendwie zu überleben, mussten sie fortan ihren enteigneten Besitz von den Engländern wieder zurückpachten. Die Früchte ihrer Arbeit wurde dann als Pacht abgeliefert, nur ein kleiner Teil blieb ihnen zur Eigenbewirtschaftung übrig. Und auf diesen in der Regel ertragsärmeren Flächen gedieh die anspruchslose Kartoffel prächtig. Und an den Torffeuern, die die Hütten wärmten, wurde die Kartoffel gar gekocht, zerdrückt und mit etwas Milch zu einem nahrhaften Kartoffelbrei verrührt.

Nicht zuletzt dank der relativ guten Ernährungslage der Iren durch die Kartoffel war die Bevölkerung Mitte des 19. Jahrhunderts auf ca. 8 Millionen Menschen angewachsen. Etwa 3 Millionen davon lebten in bitterster Armut, als die Katastrophe in Form der „Kartoffelfäule“ über das Land kam. 1845 begann in Irland die große Hungersnot, der nur als „The great Famine“ bezeichnet wird. Aus Amerika war die sogenannte „Kartoffelfäule“ oder „Braunfäule“ eingeschleppt worden. Auf Grund einer Pilzerkrankung verfaulten die meisten Knollen bereits im Boden. Die Iren nahmen es zunächst einigermaßen gelassen, war man doch an mancherlei Missernten gewöhnt. Die nächste Ernte würde schon wieder besser werden und solange behalf man sich eben mit seinen Vorräten. Doch das war ein Trugschluss. Viele waren bald schon gezwungen, ihre Saatkartoffeln zu essen, so groß war der Hunger. Auch brachte die nächste Ernte nicht den erhofften Ertrag, die Kartoffeln waren immer noch von der Pilzkrankheit befallen und verfaulten im Boden. Alle Ernten bis 1849 wurden auf diese Weise vernichtet. Gesunde Saatkartoffeln gab es auch nicht mehr im Land. Die Kartoffelfäule wütete zwar auch im restlichen Europa, doch hier hatte man nach der ersten verfaulten Ernte vermehrt Mais oder Getreide angebaut, so dass der Ausfall der Kartoffelernte nicht so schlimm war. Die Iren hatten nur auf eine Besserung der nächsten Ernten gesetzt und verloren. Auch Hilfe aus England, dessen Kolonie sie ja waren, kam nicht. Die Regierung in England war der Auffassung, dass der Staat nicht mit Hilfslieferungen in den inländischen Handel eingreifen dürfe.

The Great Famine

Der Getreidepreis stieg in diesen Jahren ins Unermessliche, so dass sich die meist arme irische Bevölkerung auch kein Brot mehr kaufen konnte. In diesen schlimmen Jahren verhungerten mehr als 1 Million Menschen. Und wer seine Pacht nicht mehr zahlen konnte, wurde vom englischen Grundbesitzer vertrieben. Nicht selten mussten die irischen Familien auch noch mit ansehen, wie ihr Haus in Flammen aufging. Wer noch irgendwie konnte, verließ seine Heimat und ging in die Industriestädte Englands, Kanadas, Amerikas und Australiens. Schiffseigner machten in diesen Jahren das Geschäft ihres Lebens. Auf der Fahrt nach Amerika oder Kanada hatten sie die „coffin ships“, also Sargschiffe, genannten Schaluppen vollgestopft mit halb verhungerten und ausgemergelten Iren, die vor dem Hunger in Irland zu fliehen versuchten. Viele der Menschen starben während der Überfahrt an Erschöpfung oder Krankheiten. Auf der Rückfahrt brachten diese Schiffe dann Mais aus Amerika mit, den die Iren jedoch nicht als Nahrungsmittel für sich selbst annahmen. Mais war Tierfutter und kein Ire wäre auf die Idee gekommen, ihn zu essen. Viele Katholiken wechselten ihren Glauben, um in evangelischen Suppenküchen Nahrung zu bekommen. Dafür waren sie bei denen verhasst, die standhaft blieben und ihren Glauben eben nicht verkauften für ein bisschen Nahrung. Die zahlenmäßig größte Helfergruppe aus Amerika waren die Quäker, sie schickten Reis und Mehl und halfen beim Wiederaufbau der Landwirtschaft.

Vor der Hungersnot lebten in Irland 8,2 Millionen Menschen. 1,5 Millionen starben durch den Hunger, weitere 1,3 Millionen Menschen wanderten aus. In Folge auf die Hungersnot folgenden Armut wanderten in den folgenden 60 Jahren weitere 5 Millionen Menschen aus.

Kartoffeln heute

Diese Hungersnot auf Grund der Kartoffelfäule hat tiefe Spuren in der irischen Seele hinterlassen, viele Lieder und Texte beschäftigen sich mit dem traurigen Thema. Auch heute gehört ein Teller Kartoffeln vielerorts zum Abendessen dazu. In Pubs und Restaurants bekommt man zu jedem Essen als Beilage Chips (also unsere Pommes frites) oder anderes aus Kartoffeln. Selbst beim Italiener gibt es Lasagne mit einem Teller Chips. Oder beim Chinesen bekommt man das Schweinefleisch süß-sauer mit Chips. Wen man lieber Reis dazu möchte, muss man den extra bestellen. Bereits zum Frühstück werden Bratkartoffeln gegessen. Das „Full irish Breakfast“ besteht aus Blackpudding (Blutwurst) und White Pudding (Leberwurst), Schweinswürstchen, gegrillter Tomate, gebratene Champignons, Bratkartoffeln, Speck und Eiern sowie gebackenen Bohnen. Dazu wird Toast oder Scones mit Marmelade oder Honig gegessen und der starke schwarze irische Tee (Irish Breakfast) getrunken. Mittags wird die Kartoffel dann als Irish Stew gegessen, ein Eintopfgericht aus Lammfleisch, Kartoffeln, Zwiebeln oder Lauch, Möhren und Erbsen. Am Abend kann man dann einen irischen Kartoffelsalat essen, ein mit Frühlingszwiebeln, Essig und Mayonnaise angemachtes kaltes Kartoffelpüree.

Die irischen Kartoffeln sind vorwiegend mehlig kochend und zerfallen sehr schnell. Daher ist es nicht so ganz einfach, aus den heimischen Kartoffeln gute Bratkartoffeln herzustellen. Dafür verwendet man die festkochenden Importkartoffeln, die man mittlerweile in jedem Laden kaufen kann.

Eine sehr beliebte irische Spezialität ist Boxty. Das sind irische Kartoffelpuffer. Im Gälischen bedeutet das Wort soviel wie „Armenhaus Brot“ also Brot der Armen. Ursprünglich kommen Boxties aus den nördlichen Landesteilen Irlands wie Connacht, südliches Ulster, Mayo oder Donegal. Mittlerweile hat es sich aber auf der ganzen Insel ausgebreitet. Serviert wurden Boxties traditionell am Abend vor Allerheiligen, also dem 31. Oktober.

Sicher hat jede irische Familie eigene, vielleicht sogar geheime Boxty-Rezepte, aber alle enthalten fein geriebene rohe und gekochte Kartoffeln und alle werden in der Pfanne gebraten.

Gallagher Boxty House im Dubliner Temple Bar-Bezirk

Wer „Boxty“ hautnah erleben möchte, ist im Gallagher Boxty House genau richtig. Pádraic Óg Gallagher ist mit Leib und Seele „Kartoffelkocher“. In seinem Kult-Restaurant gibt es die Spezialitäten rund um die Kartoffeln. Und immer wieder auch Live-Cooking. Alle Zutaten stehen auf dem Tisch und daraus entstehen wahre kulinarische Kunstwerke. Mit der einem Iren eigenen Humorbegabung geht es den Abend über tief in die irische Geschichte – und an die Geschmacksnerven. Das lohnt sich auf jeden Fall. Hier einige Fotos von einer dieser unterhaltsamen „Schulungen“. Enjoy.

 

 

 

Aktuelle Infos auf: www.boxtyhouse.ie

Text: Anna Soldan. Fotos: Jan O. Deiters.

 

 

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