Die Burg in Baltimore

Baltimore: Die Burg der Juwelen

Irland. Eigentlich liegt das etwas verschlafen wirkende Örtchen Baltimore am Ende der Welt – danach kommt nur noch viel Wasser und dann irgendwann Amerika. Doch hier war früher mal richtig viel los. Davon zeugt die restaurierte Burg Dún na Séad (Burg der Juwelen), die seit über 800 Jahren über den Hafen von Baltimore wacht.

Am Eingang sitzt in einem schmalen Räumchen eine Frau und verkauft die Eintrittskarten. „Ja, schauen Sie sich diese Burg nur an. Sie hat eine sehr lange Tradition und eine wechselvolle Geschichte“, lächelt sie die Besucher an. Und wir erfahren von Bernie MacCarthy, dass sie zusammen mit ihrem Mann 1997 die alte Ruine gekauft hat. In liebevoller Kleinarbeit haben sie das alte Gemäuer restauriert und bieten jetzt Führungen durch ihr besonderes Wohnhaus an. Bernie hat sich auch intensiv mit der Geschichte der Burg beschäftigt und darüber geschrieben. Eine ebenso spannende wie wechselvolle Lektüre.

Die Geschichte der „Burg der Juwelen“ beginnt im Jahre 1215, als ein Nachfahre normannischer Eroberer, Robert de Carew, mit dem Bau der Burg in Baltimore beginnt. Den Platz für seine Burg hatte er mit großer Sorgfalt ausgesucht, konnte man doch von dort weit über den natürlichen Hafen von Baltimore schauen und sehen, wer übers Meer kommt. Denn auf dieser Route im Süden Irlands fuhren nicht nur viele Handelsschiffe, sondern auch etliche Piratenschiffe suchten dort nach Opfern. Entlang der Küsten im Süden Irlands ging es damals ziemlich heftig zu, es wurde gekämpft, erobert und wieder verloren.

Robert de Carew und seine Nachfahren waren wohl nicht sehr lange im Besitz der Burg, genaue Aufzeichnungen darüber fehlen. Was wir jedoch wissen, ist, dass die Burg 1368 der Familie O’Driscoll gehörte. Diese segelten eines Tages mit ihren Schiffen nach Waterford und plünderten die Stadt. Den Grund für dieses schändliche Tun ist nicht überliefert, jedenfalls muss es ein ordentlicher Streit gewesen sein. Nach der Plünderung nahmen sie auch gleich noch schnell einige Gefangene mit zurück in ihre Burg. Das war der Beginn einer sehr lange anhaltenden Feindschaft zwischen Baltimore und Waterford, die sich auch heute noch durch eine gewisse Rivalität zwischen den beiden Orten bemerkbar macht. Wie dem auch sei, die Männer aus Waterford brauchten – jedenfalls nach den Annalen der Burg – offensichtlich einige Jahrzehnte, bis sie sich für den Überfall revanchierten. An Weihnachten 1413 war es dann soweit. Sie segelten nach Baltimore und drangen in die Burg ein. Dort war gerade ein größeres Gelage im Gange, Gäste waren auch da, es war schließlich Weihnachten. Überall standen große und übervoll mit den köstlichsten Speisen beladene Holztabletts auf dem Boden, es wurden Geschichten zum Besten gegeben, die Hofmusiker spielten auf, es wurde gelacht und getanzt. Kurzum, die Stimmung war prächtig. In dieses friedliche Fest hinein brachen die Männer aus Waterford und nahmen nach einem heftigen Kampf die gesamte Familie O’Driscoll in Gewahrsam. Dieser Überfall wäre eigentlich nur eine Randnotiz in den Geschichtsbüchern, wäre das nicht eine der frühesten Erwähnungen des irischen Tanzes.

Der nächste Eintrag in den Annalen der Burg fand 1537 statt. Der damalige Burgherr Fineen O’Driscoll und sein Sohn trafen vor dem Hafen von Baltimore auf ein Schiff aus Portugal, voll beladen mit den köstlichsten Weinen, die nach Waterford gebracht werden sollten. Das war doch wieder mal eine gute Gelegenheit, Waterford eins auszuwischen, dachten sich die beiden. Scheinheilig luden sie daraufhin den Kapitän samt Mannschaft auf seine Burg ein und boten ihnen die leckersten Speisen an. Doch kaum waren die Gäste auf der Burg, wurden sie gefangen genommen und in Ketten gelegt. Der Wein wurde mehr oder weniger gerecht unter O’Driscolls Gefolgsleuten aufgeteilt. Als dieser Coup schließlich in Waterford ruchbar wurde, segelten die Männer aus Waterford ziemlich wütend mit drei Schiffen und 400 Mann nach Baltimore. Dort haben sie die Burg eine ganze Nacht lang beschossen. Außerdem raubten sie bei der Gelegenheit gleich noch Fineen O’Driscolls Galeere und drei kleinere Beiboote.

Die Iren exportierten damals hauptsächlich Fisch und Häute. Weil es vor den Küsten – speziell vor Cork – so gefährlich war, übernahmen die O’Driscolls den Schutz der Fischer. Natürlich nicht umsonst, die armen Kerle mussten dafür enorme Schutzzölle zahlen. Doch es blieb ihnen keine andere Wahl, nur so konnten sie einigermaßen sicher ihrem Job nachgehen und mussten sich wenigstens keine Sorgen um ihre Sicherheit machen. Von diesen Einnahmen lebten nicht nur die O’Driscolls sehr gut, auch deren Lehensherren, der starke Clan der MacCarthys, ihres Zeichens Könige der Provinz Munster, bekamen ihren Anteil an den Zöllen. Doch die O’Driscolls hatten auch ein gutes Herz – wenigstens manchmal. 1601 erwarb sich auch wieder ein Fineen O’Driscoll die Gunst der englischen Königin Elizabeth I. dadurch, dass er einige englische Kriegsschiffe, die auf dem Weg zur Schlacht von Kinsale waren, mit Proviant versorgte. Das wäre an sich nicht weiter erwähnenswert, hätte er nicht gleichzeitig seine Burg dem englischen Feind, dem Spanier Juan del Aguila als Hauptquartier überlassen. Als Elizabeth I. von O‘Driscolls Generosität erfuhr, musste er zu ihr, um sich zu erklären. Wir wissen nicht, wie er es geschafft hat, jedenfalls verzieh Elizabeth I. ihm seinen spanischen Ausrutscher. Allerdings hat diese Freundschaft nicht lange gehalten, ein Captain Harvey bekam nach dem Sieg der Engländer über die Spanier die Burg in Baltimore als Dank geschenkt. Es begann eine Zeit der stetigen Besitzerwechsel. Sogar Oliver Cromwell steht auf dieser Liste. 1649 diente „das große Haus“ (irisch: Baile an Tí Mhóir: Ort des großen Hauses) als Garnison für Cromwells Truppen in West Cork.

The Sack of Baltimore

Diese und viele anderen kleineren und größeren Begebenheiten wurden ad acta gelegt, doch eine Geschichte erschüttert die Menschen in Baltimore bis heute. Der als „Sack of Baltimore“ (Plünderung von Baltimore) bekannte Piratenangriff und die Verschleppung von über 100 Bewohnern in die afrikanische Sklaverei. Am 20. Juni 1631 wurde Baltimore von afrikanischen Piraten angegriffen. Es war der bis dahin größte Angriff von Piraten in Irland überhaupt. Der Anführer der Piraten, der niederländische Kapitän Jan Janszoon van Haarlem (geb. um 1570, gest. nach 1641), war auch als Murad Reis der Jüngere bekannt und vor allem gefürchtet als einer der berüchtigtsten Korsaren des 17. Jahrhunderts. Am Anfang seiner Piratenkarriere kaperte er die Schiffe auf eigene Rechnung, bis es ihn 1619 nach Salé (Stadt nahe Rabat in Marokko) verschlug. Dort stieg er zum Admiral einer ganzen Piratenflotte auf und wurde 1623 sogar Gouverneur. Und bekam zur Festigung der Beziehung auch noch eine Tochter des Sultans zur Frau – es war seine dritte Gattin. Unter seiner Führung zog in Salé großer Wohlstand ein. Doch die politischen Verhältnisse änderten sich. Murad musste Salé verlassen, er verlegte seine Basis wieder nach Algier. Seine vornehmen Kleider tauschte er wieder gegen seine Piratenkluft, suchte sich eine Mannschaft zusammen und segelte raus aufs Meer. Und zwar schipperte er nordwärts, erinnerte er sich doch von früher noch daran, dass es vor Irlands Südküste viel zu holen gab, da es an einer vielbefahrenen Route der Handelsschiffe lag.

Bei einem der Raubzüge an Land brachten die Piraten einen Fischer aus Dungarven in ihre Hand. Der arme John Hackett verriet ihnen aus lauter Angst um sein Leben, was es in Baltimore alles zu holen gab. Die Piraten landeten im Schutz der Nacht, rannten in das Dorf, brannten Häuser und Scheunen nieder. Sie nahmen über 100 Männer, Frauen und Kinder gefangen, verfrachteten diese auf ihre Schiffe und brachten sie nach Algier. Dort wurden sie als wertvolle weiße Sklaven verkauft. Man weiß, dass einige der Iren als Galeerensklaven endeten oder als Haussklaven arbeiten mussten. Junge Frauen kamen in die Abgeschiedenheit des Harems eines Sultans. Nur drei der Gefangenen wurde je wieder lebend in Irland gesehen. Zwei weitere Gefangene konnten 1646 noch freigekauft werden, von den anderen fehlt jede Spur. Und natürlich gibt es auch die wildesten Spekulationen, wer den Piraten geholfen haben könnte, solch einen Raubzug zu planen. Doch gesicherte Erkenntnisse darüber gibt es nicht. Der Fischer Hackett wurde von den verbliebenen Dorfbewohnern zur Strafe für seinen Verrat gehenkt und sehr wahrscheinlich – wie damals üblich – zur Abschreckung und Warnung für Andere einige Zeit am Galgen hängen gelassen. Aus Angst vor weiteren Überfällen und der Verschleppung auf die Sklavenmärkte verließen die Bewohner alsbald Baltimore, zogen nach Norden und gründeten den Ort Skibbereen. Erst einige Generationen später wurde Baltimore langsam wieder besiedelt.

Das Ende der Burg der Juwelen

Das scheint auch das Ende der Burg besiegelt zu haben. Man nimmt an, dass die Burg gegen Ende des 17. Jahrhunderts ganz verlassen wurde und schließlich verfiel. Bis 1997 die jetzigen Besitzer Patrick und Bernie McCarthy das alte Gemäuer kauften und in 8 Jahren mühevoller Arbeit restaurierten. Selbst die alte Quelle, die seit einigen hundert Jahren versiegt schien, haben sie wieder zum Sprudeln gebracht. Man kann die Burg, die auch das Wohnhaus der beiden ist, natürlich besichtigen. Bernie sitzt selbst an der Kasse und lädt die Besucher ein, sich ihre Wohnung anzuschauen. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man in der Halle der Burg steht, die den MacCarthys heute als Wohnzimmer dient, und gleichzeitig weiß, dass hier 1413 auch das Weihnachtsessen mit dem anschließenden Überfall der Männer aus Waterford stattgefunden hat. Viele Schautafeln sprechen von der wechselvollen Geschichte des „großen Hauses“. Und Bernie rundet das Gesehene gern noch mit einigen Geschichten, die die Tafeln nicht erzählen, ab. Für ihre Forschungen über die Burg in Baltimore erhielt Bernie MacCarthy die Auszeichnung „Master of Philosophy“ des University College of Cork.

Öffnungszeiten: 1. März bis 31. Oktober täglich von 11-18 Uhr
The Square, Baltimore, County Cork, Ireland. Tel: 00353 (0)28 20735

Web: www.baltimorecastle.ie
Email: info@baltimorecastle.ie

 

Text: Anna Soldan, Fotos: Jan O. Deiters

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