Die Mühle von Skerries

Die Macht durch den Wind

Wer den Wind zähmen kann, verfügt über Kraft und Energie – ein Prinzip, das heute auf technisch höherem Niveau, aber auf der gleichen Grundlage wie in früheren Zeiten, wieder aufgegriffen wird. Im Osten Irlands nördlich von Dublin in dem kleinen Ort Skerries gibt es eine interessante Anlage, die Einblick gibt in die Mühlenkultur.

Windmühlen sind weltweit ein faszinierendes Thema. Die Kunst, die Kraft der Naturgewalten verfügbar zu machen, hatte vor allem praktische Auswirkungen auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Menschen, die damit ihr Leben nachhaltig verbesserten. Heute muten die alten Bauwerke wie aus der zeit gefallen an: Die gleichmäßigen Drehungen der Flügel, die typischen wuchtigen Geräusche des unendlich scheinenden Windes in den Windmühlenflügeln, den Seilen und Tüchern, die kernigen Gebäude aus massivem Holz oder Bruchstein – es hat schon eine ganz eigene Gefühlswelt, fast meditativ, die den Menschen der heutigen hektischen Zeit mit seiner modernen und zukunftsorientierten Elektronik und der überall präsenten High-Tech-Bauweise in ihren Bann zieht.

Irland hat besonders schöne Beispiele für die Kultur der Mühlen und deren Nutzer in den verschiedenen Jahrhunderten. Praktisch im ganzen Land ist ja der Wind als ursprüngliche Kraft tagtäglich vorhanden. An den Küsten mal mehr, im Inland mal weniger, immer aber präsent – und die Farbspiele am Himmel, die Kompositionen der Wolkenformationen und der Duft des nahen Meeres vermitteln ein einzigartiges Erlebnis. Man muss sich nur darauf einlassen und eine Weile dem Knarren der Hölzer zuhören, dem Pfeifen des Windes lauschen und dabei den eigenen Gedanken folgen. „Die Antwort weiß nur der Wind“; vielleicht hatte Bob Dylan ebenfalls Wurzeln in Irland – wie auch immer: folgen Sie Ihren eigenen Gedanken und Bildern im Kopf.

 

Skerries Mills

Die Skerries Mills an der Ostküste Irlands zwischen Dublin und Drogheda gelegen, sind ein vorbildliches Museum für das industrielle Kulturerbe Irlands. Gerade der Osten Irlands ist in der touristischen Betrachtung etwas ins Hintertreffen geraten gegenüber dem Südwesten der Grünen Insel. Völlig zu Unrecht – schließlich sind im Osten Irlands die historischen Meilensteine der langen und wechselvollen Geschichte des Landes vorhanden: Newgrange mit seinen monumentalen Bauwerken aus der Zeit um 3 200 v. Chr. über die entscheidenden religiösen Stätten wie Tara bis hin zu richtungweisenden Schlachten am River Boyne oder Entscheidungen der Prinzen von Irland für die heutige Hauptstadt Dublin. Ein ausgedehnter Trip an der Ostküste über mehrere Tage lohnt sich daher in mehrfacher Hinsicht: die Landschaft ist lieblich, die kulturellen und historischen Aspekte sind vielfältig und beeindruckend und die Erreichbarkeit der einzelnen Örtlichkeiten ist geradezu ideal.

Doch zurück zu den Skerries Mills, die von Dublin aus in nördlicher Richtung in einer guten halben Stunde erreichbar sind. Diese Mühlen sind Getreidemühlen, in denen die Wasserenergie durch Windenergie ergänzt wurde – vor allem in Zeiten großer Trockenheit. Auf vier Geschossen befinden sich die Mühlsteine, die Mühlmaschinen, Trocken- und Speicherräume für das Korn und die mit dem Wasserrad verbundenen Sack- oder Beutelaufzüge.

Diese Mühlen von Holmpatrick erscheinen in der Mitte des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts auf Landkarten und in schriftlichen Urkunden. In dem Mehlboden neben den Mühsteinen zeugt die Mauerinschrift – Pat Thorn 1814 – von der Renovierung und dem Ausbau der Anlage, als die Nachfrage nach irischem Korn wegen der napoleonischen Kriege beträchtlich anstieg. Der Müller Richard Flinn aus Drogheda hat 1836 die Mühle betrieben, nach dessen Tod 1849 übernahm seine Frau Bridget aus Balbriggan die Geschäfte. Damals wurde zusätzlich eine Bäckerei eingerichtet. Ab 1840 lieferte die Mühle Mehl, Schrot und Brot an das „Balrothery Union Workhouse“ südlich von Balbriggan. Heute noch sind zwei der ursprünglich vier Öfen zu sehen, die am Ort als „Schottische Öfen“ bekannt waren. Noch in den 1950er Jahren war die Mühlenbäckerei sechs Tage pro Woche in Betrieb und gaben fünf Bäckern, drei Zuckerbäckern, Büroangestellten und Lieferanten Arbeit. Beliefert wurden die Orte Skerries, Rush, Lusk, Balbriggan und viele Ortsansässige und Urlauber. Im Jahre 1999 endlich wurde die Mühle dem breiten Publikum zugänglich gemacht, nachdem sie nach einem verheerenden Brand 1986 wieder aufgebaut wurde.

Die Anlage ist heute ein ansprechendes Freilichtmuseum mit liebevoll restaurierten Räumen und Maschinen. Beim Gang durch die Stockwerke und die unterschiedlichen Arbeitsstationen der früheren Müller erhält man einen tiefen Einblick in den Alltag der Menschen. Die Themen reichen von der Mühlentechnik über die Arbeit der Müller, den Kornofen, die Mühlsteine und die Verarbeitung des Korns bis hin zu dem Mühlbach, dem Mühlteich und den Getreidearten – eine Fülle von Informationen für jene, die einfach nur einmal einen Eindruck über die Historie gewinnen wollen wie auch für jene, die sich intensiver mit der Müllerei beschäftigen und Anlagen außerhalb des Festlandes besichtigen möchten. Auch für jüngere Besucher bietet die Ausstellung viele interessante Details – es wird nie langweilig und der Außenbereich erweitert das eigentliche Museum. Bei einem Spaziergang über das Gelände gibt es ungewöhnliche Perspektiven, interessante Infotafeln – und mit etwas Glück trainiert auf dem neben dem Parkplatz gelegenen Sportgelände die Schülermannschaft ihre Fähigkeiten in der irischen Traditionssportart Hurling. Das Gesehene kann man im lauschigen und sehr gemütlich eingerichteten Skerries Mills Tea Room bei einem starken irischen Tee Revue passieren lassen.

Die Anlage ist täglich ab 10 Uhr geöffnet. Natürlich gibt es eine ausführliche und spannende geführte Tour. Aber man kann sich auch auf eigene Faust auf die Erkundung machen. Erwachsene zahlen 8 Euro und Kinder 4 Euro Eintritt, Familien (2 Erw.+4 Kinder) kommen für 20 Euro in die Mühle. Geöffnet vom 1.4. bis 31.9. von 10-17.30 Uhr und vom 1.10.-31.3. von 10-16.30 Uhr.

Mehr Info: www.skerriesmills.ie

 

(Text und Fotos: Anna Soldan und Jan O. Deiters)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.