Hilfe bei Depression

 

Das Porträt

Prof. Dr. Med. Arnd Barocka an der Fachklinik „Hohe Mark“, Oberursel

Er war 26 Jahre alt, als sich sein Leben veränderte. Bislang Atheist wandelte er sich zu einem gläubigen Christen, ohne dass er dafür bestimmte Gründe anführen könnte. Und so ist der Antrieb von Professor Dr. med. Arnd Barocka heute vor allem der Dienst am Menschen. „Es ist keine Fließbandarbeit und jeder Mensch ist einzigartig und wertvoll“, begründet er sein Engagement in der evangelischen Fachklinik „Hohe Mark“ in Oberursel. „Depression“ gehört zu seinem Fachgebiet. Das Gespräch führte Jan O. Deiters.

„Es gilt, den Menschen zu erreichen, ihm die entscheidenden Impulse zu geben für eine veränderte Lebensführung – ein Prozess, der oft über Jahre erfolgt.“ Wenn man eine gemeinsame Gesprächsebene gefunden hat, können eingefahrene Muster identifiziert und verändert werden. „Hilfreich ist es oft schon, die Vorgänge zu verstehen.“ So kommt zur technischen und medikamentösen Medizin innerhalb einer integrierten Behandlung die so wesentliche menschliche Komponente. Es gehe eben auch um Gefühle und Emotionen als Zugang zum Menschen.

Die Klinik Hohe Mark sucht in Deutschland und Europa ihresgleichen. Denn sie hat als Unterbau ein christliches Konzept. So findet Dr. Barocka hier ideale Voraussetzungen und einen Vertrauensvorschuss der Patienten, die den Arzt weniger als Vertreter einer technokratischen Welt sehen, sondern eher als einen „Bruder im Glauben“. Unabhängig übrigens von der Glaubensrichtung der Patienten. „Jede Religionsrichtung ist hier willkommen und die christlichen Angebote sind selbstverständlich freiwillig, sonst wäre es ja ein Zwang“, betont Dr. Barocka. Schließlich seien Zwänge keine guten Voraussetzungen für seelische Heilungsprozesse.

Seine Familie hat zwei Diktaturen und einen Weltkrieg erlebt und flüchtete nach Sachsen; aufgewachsen ist Dr. Barocka dann in Niedersachsen. Seine Eltern hatten einen sehr pragmatischen Berufswunsch für ihn: Arzt. Diese Leute braucht man immer, egal wo und unter welchen Umständen. Das Fachgebiet Psychiatrie hatte ihn während des Studiums schnell fasziniert, dazu kamen gute Professoren in Heidelberg und Hamburg. Und heute mit 59 Jahren ist er dankbar für das, was er erreichen konnte. Er wirkt ruhig, besonnen und gründlich an seinem Schreibtisch mit einem großformatigen Gemälde seines Vaters im Hintergrund.

Psychiatrie wurde früher ausschließlich mit Diagnostik gleich gesetzt, in der es kein Helfen gab. Das hält Dr. Barocka für grundlegend falsch und er sieht die konkrete Lebenshilfe als wesentlichen Punkt in der klinischen Therapie. Dennoch kann man nicht allen Patienten helfen. Diese schweren Fälle werden üblicher Weise einfach ausgeblendet oder gelten als austherapiert. Aber aus seinem eigenen christlichen Selbstverständnis heraus ist es gerade dann wichtig, niemand fallen zu lassen. Als Romantiker im Sinne von Novalis oder C.S. Lewis vertritt er die Auffassung, dass das naturwissenschaftliche Weltbild eben nicht die gesamte Welt abbildet.

Er ist verheiratet und lebt mit seiner Frau, einem 17-jährigen Sohn und einer 13-jährigen Tochter nur wenige Meter von der Klinik entfernt. Zusätzlich zur relativ geregelten Arbeitszeit hält er Vorträge und schreibt Artikel. Zudem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift „Psychotherapie und Seelsorge“. Darin manifestiert sich sein Wunsch, Hilfestellung und Aufklärung auch über die Klinik hinaus zu gewährleisten. Dennoch ist die Freizeit begrenzt. Dann findet er es spannend, mit und von seinen Kindern zu lernen und eigene Lücken, die sich bei Latein, Geschichte oder Physik in den vergangenen Jahren gebildet haben, wieder aufzufüllen.

In der täglichen Arbeit entstehen persönliche Kontakte und Beziehungen, die oft auch in Dankbarkeit und Anerkennung münden. Das gilt nicht nur für die Patientenbeziehungen, sondern auch in der Gemeinschaft mit den Kollegen und Mitarbeitern, die meist lange Jahre besteht. „Man fühlt sich hier einfach wohl.“ Das ist eine gute Arbeitsgrundlage.

Wenn die Niedergeschlagenheit nicht mehr aufhört

Mit gut vier Millionen Betroffenen gehört die Depression mit Herzinfarkten und Krebs sogar zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. Zu häufig scheut man sich, den Arzt anzusprechen. Ein großer Fehler, denn eine frühe Diagnose und Therapie verbessert die Heilungschancen erheblich. Übrigens sind etwa doppelt so viele Frauen betroffen wie Männer.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam der Begriff „Depression“ auf, bis dahin wurde es als „Melancholie“ bezeichnet. Der neue Begriff leitete sich von der kardiologischen Depression ab und wurde sozusagen vom Herzen in die Seele transferiert.

Die Zahl der Betroffenen steigt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Nicht nur, weil Ärzte im Laufe der Zeit die Depression als solche erkennen und diagnostizieren. Auch die veränderten Anforderungen im heutigen Alltag belasten Psyche und Seele immer deutlicher und schwerwiegender.

Je schwerer der Fall, desto eher werden ergänzend zur Psychotherapie auch Psychopharmaka eingesetzt. Wer in die Klinik Hohe Mark kommt, ist schwer krank und oft genug von der Krankheit gezeichnet. Die Medikamente sorgen für eine Unterbrechung der Spirale nach unten, heilen können sie aber nicht. Das ist Aufgabe der Ärzte, die eine Gesprächsebene suchen, Aufklärungsarbeit leisten und den Patienten an die Hand nehmen, um ihn aus dem teuflischen Labyrinth herauszuleiten und neue Verhaltensmuster zu entwickeln. Die durchschnittliche Verweildauer in der Klinik Hohe Mark liegt bei 36 Tagen. Danach ist das so genannte „extramorale“ Netz von Polykliniken, Patientenclubs, eingetragenen Vereinen und Therapeuten wichtig. Dieses abgestufte Programm begleitet den Patienten weiter, wenn er aus dem geschützten Raum der Klinik wieder in die Welt entlassen wird. Denn dort muss das in der Klinik erkannte und gelernte dauerhaft und nachhaltig angewandt werden. Achtsamkeit spielt eine große Rolle in der Rückfallprävention und ist Bestandteil einer großen Studie mit dem Frankfurter Arzt Dr. Ulrich Stangier.

Depressionen haben unterschiedliche Ursachen und oft spielen andere Krankheiten eine verstärkende Rolle. Einmal kann sie weitestgehend körperlich begründet sein, beispielsweise bei einer Schilddrüsenunterfunktion oder bei Diabetes. Dann gibt es Depressionen, die überwiegend neurophysiologisch bedingt sind, insbesondere durch Verschiebungen im Hirnstoffwechsel. Hier treten länger anhaltende und oft schwere depressive Phasen teilweise auch ganz ohne erkennbaren Grund auf. Viele Depressionen sind ganz überwiegend durch innere Konflikte bedingt. Hier herrscht eine Patt-Situation zwischen den Wünschen des Menschen und inneren Verboten, die das blockieren. So wird die vorhandene (Lebens-)Energie gegen sich selbst gerichtet. Mit Vorwürfen, Schuldgefühlen und großer innerer Einsamkeit. Leider laufen diese Prozesse überwiegend unbewusst ab, sind für den Betroffenen also nicht erkennbar. Durch eine entsprechende Psychotherapie kann man diesen inneren Vorgängen auf den Grund gehen.

Die meisten Depressionen sind eine Mischung aus diesen Ursachen, umso wichtiger ist die richtige Diagnose und eine darauf abgestimmte Therapie.

Der erste Schritt dazu liegt im Verständnis der eigenen Krankheit und der Vorgänge in der Seele. Das braucht seine Zeit. Ein Ergebnis, das über viele Jahre gewachsen ist, lässt sich nur selten in wenigen Wochen bereinigen und umkehren. Allerdings ist bei nahezu jeder Behandlung von Depression eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität zu konstatieren.

Ein besonders wichtiges Stichwort bei der Rückfallprävention ist die „Achtsamkeit“. Es gilt, mit dem eigenen Alltag aufmerksam umzugehen.

Die Hauptsymptome sind: depressive Stimmung über lange Zeit hinweg, nachhaltiger Verlust von Interesse und Freude und dauernder Antriebsmangel. Dazu können Schuldgefühle, Unentschlossenheit, Schlaf- und Appetitstörungen kommen und der Verlust des Selbstwertgefühls mit begleitenden Selbstvorwürfen.

Informationen und Hinweise zur Selbsthilfe: www.deutsche-depressionshilfe.de.

Mehr Hintergrundwissen und spezielle Angebote: www.hohemark.de. Telefon 06171/204-0.

 

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