Irland in Photochroms um 1900

Ansichten und Aussichten der Belle Epoche

Bereits um das Jahr 1900 herum war Irland eine Reise wert. Zumindest bestand um diese Zeit ein gewisses Interesse an Ansichten von der Grünen Insel. Heute ist es faszinierend, einen Blick in diese Vergangenheit zu werfen.

Fotografien und Bilder von früher gewinnen vor allem dann einen besonderen Reiz, wenn die Motive jene Orte zeigen, an denen man sich beispielsweise während eines Urlaubs besonders wohl gefühlt hatte.

Es gab eine Zeit, als es bereits die Fotografie gab, aber noch keine Farbfotos möglich waren. Dennoch wollten die Menschen – vor allem die etwas begüterten – auch damals die Welt so originalgetreu wie möglich sehen. Insoweit hat sich zu heute kaum etwas verändert. Während wir heute allerdings in Megapixeln denken und im Internet innerhalb von Sekunden jede Sehenswürdigkeit dieser Welt erreichen, entwickelte Hans Jakob Schmid 1886 ein Verfahren, um Schwarzweiß-Fotografien sehr authentisch einzufärben. Der Litograph des Züricher Verlages Orell Füssli patentierte dann 1888 das „farbige Lichtbild“, das den Markennamen „Photochrom“ erhielt. Auf der Weltausstellung 1889 in Paris gab es für seine sensationellen nachträglich eingefärbten Landschaftsaufnahmen sogar eine Goldmedaille.

Die Mitarbeiter wurden gezielt in die Länder geschickt, deren Landschaften und Sehenswürdigkeiten bei der Kundschaft hoch im Kurs standen und somit voraussichtlich ein Kassenschlager sein würden. Die meisten Motive sind zwischen 1890 und 1910 entstanden und dokumentieren damit das, was damals stilistisch und thematisch von Bedeutung war. Da das Verfahren recht teuer war, beschränkte man sich auf Motive, die verkaufbar erschienen. So kann es passieren, dass man die Touristenhochburgen heutiger Zeit nicht in den umfangreichen Katalog von Orell Füssli findet, da sie damals völlig uninteressant waren. Andererseits sind Aufnahmen von Orten vorhanden, die in der heutigen Zeit jegliche Bedeutung verloren haben.

(Im Folgenden drei Photochroms von Waterford. Erkannt?)

Das technische Prinzip war einfach, die Ausführung jedoch sehr aufwändig: Eine Schwarzweiß-Fotografie wurde auf einen Lithographiestein übertragen, mit feinen Pinseln retuschiert und dann für jede der 10 bis 15 Farben ein eigenes Photonegativ als Lithographiestein hergestellt. Wenn man sich die Ergebnisse ansieht, kann man nur den Hut ziehen vor der Detailgenauigkeit und der handwerklichen Qualität.

(Londonderry mit der kombinierten Eisenbahn-/Autobrücke. Die neue Friedensbrücke ist natürlich noch nicht zu sehen.)

Die Bilder wurden nicht nur einzeln verkauft, sondern auch als Sammlungen, teilweise in aufwändigen Lederalben oder als gebundene Bücher. So konnte man seine „Reiseerinnerungen“ konservieren – selbst wenn man nie vor Ort gewesen war. Jedenfalls war diese Technik damals eine echte Sensation, konnte man doch die Motive in einer bislang nie gekannten Wirklichkeitsnähe betrachten.

(Und hier Belfast, Cork und Dublin. Auch heute noch mit hoher Anziehungskraft!)

Da es von Landschaften, Städten und Menschen Irlands über 100 Aufnahmen gibt, muss man davon ausgehen, dass diese Motive auch gekauft wurden und eine genügend hohe Nachfrage herrschte. Für Irlandfreunde ist es ein Vergnügen: Die Cliffs of Moher, die O’Connell-Street in Dublin, Connemara, Giants Causeway und viele weitere Motive geben einen spannenden Einblick in die damalige Zeit, als vor allem Pferde-Fuhrwerke und Fahrräder das Straßenbild beherrschten.

Achten Sie bei Ihrem nächsten Urlaub doch mal auf die Veränderungen.

Viel Vergnügen.

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