Legendär: Waterford Crystal

Waterford Crystal

Die Manufaktur ist Legende. Der Name – und vor allem dessen Produkte – erstrahlt überall auf der Welt, die Kunstwerke sind einzigartig. Waterford Crystal hatte dennoch mit wirtschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen. Heute gibt es das Unternehmen wieder sozusagen im Kleinformat. Und als Besucher kann man der Produktion beiwohnen. Ein spannender Ausflug in alte Handwerkskunst. Sozusagen als Vorgeschmack auf ein Besucher-Highlight. Ein Beitrag von Anna Soldan.

Es begann im Jahre 1783 am Merchants‘ Quay im Herzen der Hafenstadt Waterford. Zwei Brüder machten sich auf und hatten eine Vision: Die besten Gläser und Schmuckstücke, die das Heim verschönern aus dem hochwertigsten Kristall. William und George Penrose starteten ein Geschäft, das gut 200 Jahre später immer noch fasziniert. Es ist die unbegreifliche Schönheit und Transzendenz der Objekte. Ob man sie nun profan auf dem Tisch zum Dinner nutzt, als besonderes Kunstwerk in der Vitrine stehen hat oder bei bedeutenden Veranstaltungen als Preis verliehen bekommt.

William und George also investierten in diesem Jahr rund 10.000 Pfund, was zur damaligen Zeit eine erhebliche Menge an Geld war. Sie beschäftigten 50 bis 70 Menschen und bildeten sie aus. Die Produkte wurden vom Hafen in Waterford aus nach Spanien, Westindien, New York, Neu-England und Neufundland exportiert.

Mehr als 300.000 Touristen aus der ganzen Welt besuchten Waterford Crystal jährlich. Nach wirtschaftlich schwerem Fahrwasser und die Übernahme durch Wedgewood ist im Juni 2010 das neue Waterford Crystal Besucherzentrum eröffnet worden. Das neue Gebäude am Rande des „Viking Trail“ und in direkter Nachbarschaft zur Altstadt beherbergt nicht nur die Verwaltung und einen großen Laden mit Fabrikverkauf, sondern auch die Produktion. Mittlerweile sind fast 80 Menschen voll beschäftigt und in den Saisonzeiten kommen noch zwischen 30 und 80 Mitarbeiter dazu. In der Manufaktur werden jährlich rund 40.000 Einzelstücke gefertigt, die der Legende weiter Auftrieb geben. Designer erschaffen neue Gläser, Formen und Glasschnitte, das Angebot passt sich an den Markt an. Und die Besucher strömen wieder zum Zentrum des gläsernen Glücks.

Wenn man sich in dem Verkaufsraum satt gesehen hat, ist man auf die Tour durch die Werkstatt vorbereitet. Man kann sich schlicht nicht wirklich vorstellen, wie diese Präzision, diese Kunstfertigkeit zustande kommt. Mitarbeiterinnen sind beständig dabei, Staub zu wischen, die kostbaren Gefäße zu polieren und immer wieder im Regal richtig zu positionieren. So geht dieser eigentümliche Zauber nicht verloren, alles erscheint perfekt. Eben so, wie schon seit der Gründung der Manufaktur die Perfektion der entscheidende Punkt war.

Die Tour startet im Videoraum. Auf mehreren großformatigen Leinwänden wird simultan ein Gefühl des Zaubers für Glas und die Marke vermittelt. Mit viel Musik, schnellen Schnitten und dazwischen Interviews mit Designern gibt sich Waterford Crystal einerseits betont traditionell, andererseits modern. Das hängt letztlich auch an der ungebrochenen Nachfrage weltweit zusammen und der Tatsache, dass die großen und kunstvollen Pokale in den irischen Sportarten eben von Waterford Crystal gestaltet und in mühevoller Handarbeit hergestellt werden. So bleibt der Mythos am leben und wird ständig neu befeuert.

 

 

Für die Besucher jedenfalls ist es eine Einstimmung auf das, was da kommen mag. Und das ist dann ganz anders, als man zunächst vermuten mag. Die Schwingtür geht auf und plötzlich befindet man sich mitten im Handwerk. Ein halbes Stockwerk unterhalb der Ebene, auf der sich die Besucher befinden, wird das Rohglas erhitzt, bis es rotgold flackert. Dann nimmt sich der Glasbläser der kleinen glühenden Kugeln an und in Nullkommanichts sieht man einen Rohling. Was so einfach aussieht, braucht viele Jahre Übung. Man mag nicht daran denken, wie viel Glas in dieser Zeit zu Bruch gegangen ist.

Jetzt aber werden die Rohlinge perfekt und einer nach dem anderen findet seinen Weg zur Qualitätssicherung. Der Mann arbeitet an großen Schleifwerkzeugen mit viel Wasser. Es ist laut und er trägt einen Hörschutz. Er prüft das Glas, schleift die Ecken ab, modelliert die Ränder und setzt die Rohteile zum Trocknen ab. Jeden Tag von morgens bis abends. Findet er hier auch nur den Hauch eines Fehlers, zersplittert das Glas in einer blauen Kiste und wird später wieder eingeschmolzen.

Im jetzigen Stadium sieht man den Rohlingen keineswegs an, das aus ihnen einmal kunstvolle Schalen, Gläser oder Pokale werden. Bei der nächsten Station werden von Hand die Markierungen aufgezeichnet, an denen sich der Glasschneider orientiert. Das ist eine besondere Art der Präzision, die sich erst im Laufe von Jahren ergibt. Die geometrischen Figuren werden durch horizontale und vertikale Linien mit einem Marker aufgebracht, der später nach der Reinigung nicht mehr zu sehen ist.

Die Glasschneider haben eine echte Knochenarbeit. Das Glas ist enorm schwer, die Hand muss ruhig sein und der Blick klar. Da sollte man am Vorabend dem Guinness nicht allzu sehr zugesprochen haben. Die Handwerksmeister brauchen mindestens acht Jahre, um diese Präzision und Belastung aushalten zu können. Der Druck auf die Schleifgeräte darf nicht zu stark sein, sonst gibt es einen Riss und alle Arbeit ist schon in diesem frühen Stadium umsonst.

Eine andere Arbeit ist das Gravieren und das Zusammensetzen einzelner Glasstücke zu einem großen Ganzen. So ein Mannshoher Spiegel kann leicht aus hunderten Einzelteilen bestehen, die sorgsam zusammengefügt werden müssen. Ein Fehler und man sieht ihn beim fertigen Objekt sofort und gnadenlos. Faszinierend ist auch der Umgang mit dem Glas, so wie ein Bildhauer sein Holz oder den Stein bearbeitet, bis aus dem ursprünglichen Rohstück eine Figur oder ein Bild erscheint. So kann man aus einem soliden Block von Kristallglas ganze Skulpturen entstehen lassen.

Alles in allem ist es erstaunlich, wie vielfältig das ist, was aus Glas entstehen kann. Eigentlich geht die Zeit viel zu schnell vorbei. Man möchte länger verharren und zuschauen, die Stücke in ihrem Arbeitsprozess intensiver begutachten und sich an dieser Schaffenskraft erfreuen. Doch dazu ist im Verkaufsraum dann wieder Zeit, bis man beeindruckt in das quirlige Waterford entschwindet.

Alle aktuellen Informationen finden Sie auf www.waterfordvisitorcentre.com Viel Vergnügen!

(Text: Anna Soldan. Fotos: Jan O. Deiters)

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