Richard Löwenherz – Vom Pferd gesendet

Vom Pferd gesendet

Jeder hat irgendwie ein Bild von Richard Löwenherz (1157-1199) vor Augen, da seine Geschichte in Musik, Literatur und nicht zuletzt auch in Filmen und Fernsehproduktionen immer wieder erzählt wurde. Und selbst der Historiker Dr. Sebastian Zanke vom Landesmuseum in Speyer bekommt glänzende Augen, wenn er von „seinem“ Richard Löwenherz spricht, denn für ihn verkörperte nämlich lange Zeit Sean Connery den „echten“ Richard Löwenherz. Das Interview führte Anna Soldan.

„Vier Jahre hat es gedauert, von der ersten Idee einer Löwenherz-Ausstellung bis zur Eröffnung“, erklärt Sebastian Zanke vom Landesmuseum in Speyer. „Irgendwie kamen wir darauf, dass Richard Löwenherz ja hier bei uns in der Pfalz über ein Jahr lang gefangen gehalten wurde. Diese Tatsache ist übrigens kaum bekannt und daher war es dann nur logisch, dass wir uns an die Arbeit machten. Schnell merkten wir, dass es überhaupt noch keine Ausstellung über diesen großen König und Kreuzritter gegeben hat. Und obwohl er nur zehn Jahre regiert hat, überdauerte sein Ruhm die Jahrhunderte. An dem er übrigens selbst schon zu Lebzeiten eifrig mitgewirkt hatte, und der sicher nicht so ein Mensch war, wie in den Hollywoodfilmen über ihn erzählt wird“, erklärt er weiter.

So dürfte Speyer zur Zeit von Richard Löwenherz ausgesehen haben

 

„Im Laufe der Vorbereitungen zur Ausstellung musste ich mich immer wieder auf die Fakten zu Richard Löwenherz besinnen, um nicht eine rein schwärmerische Ansammlung meiner Jugendträume zu zeigen“, erläutert uns Sebastian Zanke mit einem Augenzwinkern.  „Aber während der Recherchen zeigte es sich, dass das Hollywood–Bild von Löwenherz nicht zu halten ist. Denn er war wohl ein guter Krieger und Kämpfer, aber menschlich hatte er so seine Schwächen“, beschreibt Zanke Richard Löwenherz. Der britische Historiker und Mittelalter-Kenner Steven Runciman (1903-2000), der sich lange Zeit eingehend mit dem König beschäftigt hatte, beschrieb ihn so: Ein schlechter Sohn, ein schlechter Ehemann und ein schlechter König, aber ein edelmütiger und großartiger Krieger. In einer lateinischen Prosa-Erzählung über den dritten Kreuzzug (1189-1192) finden sich außerdem Hinweise zu seinem äußeren Erscheinungsbild: Er war von großer Gestalt und anmutiger Erscheinung, mit rötlichen Haaren; seine Gliedmaßen waren gerade und gelenkig, seine Arme lang und unübertroffen in der Fähigkeit ein Schwert zu führen und mit ihm zuzuschlagen.

„Bis so eine Ausstellung wirklich gezeigt wird, sind enorme Vorarbeiten nötig, die der Besucher kaum erahnt“, erzählt Zanke über das Werden der Ausstellung weiter. Zuerst werden die Exponate gesucht und zusammengestellt. „Sogar Königin Elisabeth II. von England hat uns für diese Ausstellung ein Exponat zur Verfügung gestellt“, erklärt Zanke mit einem gewissen Stolz in der Stimme. Die musealen wie auch teils privaten Leihgeber der meist unersetzlichen Teile müssen dann natürlich dem Transport und der Ausstellung ihrer Stücke zustimmen. Dann werden die Exponate aus allen Teilen Europas mit Spezialfirmen unter größten Sicherheitsauflagen nach Speyer gebracht. „Und das, was der Besucher sieht, ist praktisch das Ende der langen Vorbereitungszeit“, erläutert Zanke weiter. „Das alles muss natürlich vorher passieren, also bevor die kostbaren Stücke dann im Museum platziert und beschriftet stehen.“ Was gern bei solchen Vorbereitungen vergessen wird, ist die Tatsache, dass hier hochspezialisierte Menschen daran arbeiten, das alles zu planen und gestalten, damit das Publikum einen realistischen Eindruck von Richard Löwenherz bekommen kann. Selbstverständlich muss das auch entsprechend versichert werden, bei den Transporten wie auch während der Zeit der Ausstellung.

„Alles in allem eine ziemlich teure Angelegenheit“, erklärt Sebastian Zanke. „Aber Gott sei Dank sind wir in der komfortablen Situation, dass wir uns als Museum fast selbst finanzieren. Denn wir stecken die Erträge unserer Ausstellungen in die jeweils nächsten Ausstellungen. Bei der Versicherung der Objekte allerdings haben wir die Hilfe des Landes Rheinland-Pfalz gern in Anspruch genommen.“ Und während dieser Vorbereitungsphase werden natürlich auch die visuellen Teile der Ausstellung umgesetzt, das Marketingkonzept entsteht und auch ein umfangreiches Begleitprogramm wie Vorträge, mittelalterliche Dinner oder Konzerte werden konzipiert und mit vielen Partnern verwirklicht.

 

Man kann sich den enormen Aufwand sehr gut vorstellen, wenn man in den ziemlich dunklen Ausstellungsräumen umhergeht. „Hier zum Beispiel sind Original-Chroniken aus Saint-Denis ausgestellt. Würden wir die mit normalen Strahlern gut ausleuchten, wären sie bald unwiederbringlich zerstört. Denn Lichteinstrahlung zerstört diese ungeschützten bunt bemalten und eng beschrifteten Pergamentseiten. Daher haben wir hier in den Räumen so eine heimelige Schummrigkeit“, fügt er mit einem verschmitzten Lächeln hinzu. Es gehe also weniger um die Mystik dahinter, sondern um handfeste Anforderungen der Leihgeber und Versicherer. „Immerhin sollen auch die Menschen in den nächsten Jahrzehnten einen Eindruck von dieser Pracht erhalten.“ Eine gewisse Erfurcht macht sich bei der Betrachtung dieser Juwelen in uns breit.

In der Mitte des ersten Raumes stehen in Originalgröße die Gipsabdrücke der Gräber von Richards Eltern, Eleonore v. Aquitanien, Königin von Frankreich und England (1122-1204) und Heinrich II. (1133-1189). Und dann das Schwert Richards, ein relativ zierliches Teil mit schönen Verzierungen in Silber. Angeblich soll Richard auch das Schwert von König Artus, Excalibur, besessen haben. In einem weiteren Raum schließlich ist das wirklich unscheinbare Bleikästchen ausgestellt, in dem das Herz des Richard Löwenherz nach seinem Tod in der Kathedrale von Rouen/Frankreich aufbewahrt wurde. Richard wurde 1199 bei der Belagerung der Burg Chalus-Chabrol von einem Pfeil in der Schulter getroffen. Den Pfeil konnte er – so die Legende – noch selbst herausziehen, doch die Wunde entzündete sich auf das Übelste. Richard Löwenherz wusste also, dass er sehr bald daran sterben würde. So verfügte er noch in den wenigen verbliebenen Tagen seines Lebens, dass sein Körper in der Abtei Fontevraud beigesetzt werden solle, neben seinem Vater Heinrich II. Der abtrünnigen Stadt Chalus hinterließ er seine Eingeweide und sein „Löwen“-herz; seine edelste Hinterlassenschaft sollte in der Kathedrale von Rouen beigesetzt werden, als Dank dafür, dass die Stadt ihm immer treu geblieben war.

Damit auch jüngere Leute ihren Spaß an der Ausstellung finden, haben sich die Macher etwas Witziges ausgedacht. „Ausgangspunkt war die Überlegung, wie man jüngeres Publikum besser ansprechen kann. Da heute alles per Twitter, WhatsApp und Facebook-Messenger abgeht, wollten wir die Kommunikation der früheren Zeit in die heutige übertragen“, erläutert Zanke. Denn in der Ausstellung hängen immer wieder Bildschirme an der Wand, auf denen mittels alter Landkarten die Stationen von Richards Gefangenschaft in der Pfalz beschrieben werden. Und dann erscheinen  Buchstabe für Buchstabe Kurznachrichtentexte, gerade so, wie Richard sie heute vielleicht getextet hätte. Und am Ende steht „Gesendet vom Pferd“ oder „Gesendet aus Hagenau“. Witzig gemacht – und vor allem ein nachdrücklicher Hinweis darauf, wie kompliziert Kommunikation in dieser Zeit war.

„Die Kurznachrichten, die eher moderne Sprache und die Tatsache, dass diese Texte Buchstabe für Buchstabe sichtbar werden, natürlich inklusive dass man sich verschreibt, dann zurück geht und den falschen Buchstaben ersetzt – das macht es natürlich vordergründig witzig, andererseits führt es zu dem Bewusstsein, dass auch früher kommuniziert wurde. Nur halt anders. Mit Briefen, Kurieren, und vor allem: Vereinbarungen, die man mit seinen Verbündeten vor der Reise getroffen hatte. Und dann musste man sich darauf verlassen, dass eben beispielsweise die eigenen Schiffe doch noch rechtzeitig ans vor einem halben Jahr vereinbarte Ziel kamen“, erklärt Zanke diesen Link in die Moderne. „Jedenfalls ist heute alles irgendwie immer „just in time“ und man wird schon unwirsch, wenn sich der „Schreibpartner“ mehr als zwei Minuten für eine Antwort Zeit nimmt. Früher wartete man Tage, Wochen oder gar Monate“, zeigt Zanke auf.

5.1.2

 

Auch die Witterung spielte bei diesen Betrachtungen immer eine Rolle, denn eine Reise im Winter war nicht so einfach wie das Fortkommen im Frühjahr oder Sommer. Heutzutage sind wir in Echtzeit bei fast jeder Katastrophe weltweit dabei, wir erleben beinahe am eigenen Leib, wie Hurrikane über die Karibik hinwegfegen und sehen anschließend die Zerstörung. Wir haben unzählige Nachrichtenkanäle zu Verfügung und können uns von den Zuständen in der Welt ein eigenes Bild machen. Aber wie wurde zu Zeiten von Richard Löwenherz kommuniziert? Wie konnte er erkennen, ob Mr. James Bond (im Dienste seiner Majestät) kommt und ihm wichtige Nachrichten überbringt oder doch Mr. Fake News from Breitbart Media vor ihm steht? Spannende Fragen – die uns heute übrigens genauso noch beschäftigen -, die aber zum Teil in der Ausstellung auch geklärt werden. Denn viele Tafeln und Objekte erläutern Europa zur Zeit des Mittelalters, die Kreuzzüge und die Bedeutung des Mittelmeeres als Drehscheibe von Kultur und Wirtschaft. Vollgepackt mit neuem Wissen und sehr anschaulich dargestellt. Eine sehr lohnenswerte Ausstellung, zumal man sich – wenn man schon mal da ist – Speyer mit dem Dom und der sehenswerten Altstadt auch gleich anschauen kann. Und damit nicht nur der Geist Nahrung erhält, bietet sich natürlich auch ein Besuch in einem der umliegenden Restaurants an.

Alles in Allem: Ein wirklich lohnenswerter Tipp für einen ausgedehnten Ausflug.

Mehr Informationen: http://www.museum.speyer.de/startseite/ 

(2017. Text: Anna Soldan. Die Fotos wurden uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Landesmuseum Speyer.)

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